Auf dem Kinderschutzticket

JungeWelt – Jahresrückblick 2014 – aus unsrer Rubrik Abgeschrieben. Herzlichen Dank an den Autor und die Redaktion.

Auf-dem-KinderschutzticketDiskriminierung. Reaktionäre Kreise machen gegen Schwule, Lesben und das Recht der Frau auf Abtreibung mobil

Von Markus Bernhardt

Christliche Fundamentalisten und Rechtskonservative versuchten in diesem Jahr – mancherorts auch mit Unterstützung von Neofaschisten –, das Rad in punkto gesellschaftlicher Gleichstellung unterschiedlicher Lebensweisen zurückzudrehen. So kam es in nicht wenigen bundesdeutschen Städten zu Aufmärschen, an denen zeitweilig – wie vor wenigen Monaten in Stuttgart – mehrere tausend Personen teilnahmen. Zwar bekundeten viele wiederholt öffentlich, nicht gegen Schwule und Lesben zu demonstrieren, aber von Mitstreitern hochgehaltene Plakate gegen die »Verschwulung« haben sie bisher nicht gespalten.

Angeblich wollen sie nur Kinder schützen. Der Bewegung fehlt aber die Trennschärfe zwischen der Kritik an Unterrichtskonzepten, die bei mangelnder Sensibilität die Privatsphäre von Kindern und Jugendlichen verletzen könnten, und dem Propagieren der Vater-Mutter-Kind-Familie als des einzig richtigen oder zumindest allen anderen Lebensgemeinschaften überlegenen Modells. Die Fundamentalisten verpacken ihre Ideologie mit der Warnung vor einer »Frühsexualisierung unserer Kinder«, die sie dadurch befördert sehen, dass in verschiedenen Bundesländern künftig gleichberechtigt im Schulunterricht über verschiedene Lebensformen informiert werden soll, um bestehende Vorurteile abzubauen.

Unabhängig von der sexuellen Orientierung warnte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Willhelm Rörig, im November vor Grenzüberschreitungen – etwa wenn Jungen und Mädchen dazu aufgerufen würden, vor Mitschülern über Sexualerfahrungen zu sprechen. Er begrüße »eine grenzwahrende moderne Sexualpädagogik, die unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Lebensformen benennt und akzeptiert«, stellte Rörig gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur klar. Er betonte zugleich das Recht der Schülerinnen und Schüler auf Schutz der Intimsphäre und beklagte, dass in dieser Debatte zu vieles vermengt werde.

Letzteres zeigt auch eine Petition, die Ende November von der »Christlichen Aktion« ins Internet gestellt und inzwischen von fast 25.000 Menschen unterzeichnet wurde. Unter dem Titel »Keine übergriffige Sexualkunde« wird letztendlich gefordert, den Nachwuchs auf das konservative Familienbild einzuschwören, und eine »Erziehung zu Respekt und Wertschätzung menschengerechter Sexualität zwischen Mann und Frau« propagiert. Auch sprechen sich die Rechtskonservativen für ein »Anwesenheitsrecht der Eltern bei Sexualkundeunterricht und die Freiheit der Eltern, von ihrem Sorgerecht für die eigenen Kinder Gebrauch zu machen, indem sie ihre eigenen Kinder jederzeit aus den entsprechenden Unterrichtsstunden abmelden können«, aus.

Hofiert wurde die rückwärtsgewandte Bewegung in den vergangenen Monaten von der Rechtsaußenpostille Junge Freiheit: »Wer die traditionelle Familie überwinden will, muss Mann und Frau gegeneinander ausspielen und ihre Kinder physisch und psychisch aus der familiären Bindung lösen. Wird die Bindungsfähigkeit der ganztags kollektivierten Kinder zusätzlich durch Sexualisierung geschwächt, kann die Auflösung der überlieferten Form des Zusammenlebens zum Selbstläufer werden«, hieß es dort.

Neben der Stimmungsmache gegen Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle, die sich auf der Straße auf Plakaten mit der Aufschrift »Gegen die Verschwulung unserer Kinder« zeigte, ist den Ideologen vor allem das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ein Graus. In Stuttgart machte ein Sammelsurium aus christlichen Fundamentalisten, lokalen Funktionären der CDU und der »Alternative für Deutschland« (AfD) gegen die Abtreibungsklinik von Dr. Friedrich Stapf mobil und marschierte vor dem Rathaus der baden-württembergischen Landeshauptstadt auf. Diese habe schließlich »wichtigere Aufgaben, als beim Gewerbe der vorgeburtlichen Kindstötung helfend dem Tötenden unter die Arme zu greifen«, erklärten sie. Das Gezeter der »Lebensschützer« blieb nicht ohne Erfolg. So zog ein Vermieter, der ursprünglich der Abtreibungsklinik Räumlichkeiten zur Verfügung stellen wollte, sein Angebot aufgrund der Proteste zurück.

Inzwischen machen die nicht selten in den Unionsparteien beheimateten »Lebensschützer« auch gegen Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mobil, der einer Vorgabe der Arzneimittelagentur der EU-Kommission nachkommen will, die sogenannte »Pille danach« künftig rezeptfrei abzugeben. Der »Bundesverband Lebensrecht« bezeichnete dies als »fatale und gefährliche Fehlentscheidung«. Dafür bestehe keine Notwendigkeit, »nur weil in Brüssel ein Ausschuss gehustet hat«, sagte Verbandschef Martin Lohmann. Das gleiche Spektrum war erst im September bei einem »Marsch für das Leben« zu Tausenden »für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie« in Berlin aufgetreten und hatte in perfider Weise auf die Mordmaschinerie der Faschisten angespielt.

Zu dem Aufmarsch hatten auch die »Christdemokraten für das Leben«, die »Senioren-Union« der CDU und die christdemokratische Jugendorganisation »Junge Union« (JU) aufgerufen. Selbst Jurgen Daenens, Berliner Landesvorsitzender der »Lesben und Schwulen in der Union« (LSU), entblödete sich nicht, ausgestattet mit einem weißen Holzkreuz daran teilzunehmen, obwohl sich dort ein Spektrum versammelt hatte, das auf seine Homosexualität kaum gut zu sprechen sein dürfte.

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