Brief an die Konsulin Frau Katja Buzási

Havanna, 12. November 2013
54. Jahr der Revolution

An die Konsulin der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Kuba, Frau Katja Buzási

Betrifft: Beschwerde über Visaverweigerung

Hiermit wenden wir uns an Sie mit dem Ziel, die Gründe und Bedingungen zu klären, die dazu geführt haben, unseren Visaantrag abzulehnen. Dem uns am Nachmittag in den Büros der Botschaft in der Kabine Nr. 2 übergebenen Dokument zufolge sind die Gründe, wegen derer unser Antrag abgelehnt wurde: Die zur Begründung des Anliegens vorgelegte Information und die Umstände des vorgesehenen Aufenthalts sind nicht glaubwürdig. Es konnte nicht die Absicht belegt werden, das Territorium der Mitgliedsstaaten (des Schengen-Raums, Anm. d. Übers.) vor Ablaufen des Visums zu verlassen.

Der erste Grund läßt mit gewisser Willkürlichkeit durchblicken, daß die von uns eingereichte Information über die Reisegründe nicht wahr sei. Wir möchten wissen, durch welche Elemente oder in welchem Teil des Antragsprozesses wir Zweifel an unserer Glaubwürdigkeit verursacht haben.

Wir sind zwei kubanische Bürger, die während des Prozesses der Visabeantragung klar unsere Absicht bekundet haben, mit unseren Freunden in Deutschland Zeit zu verbringen, ebenso wie diese sie mit uns in unserer Heimat verbracht haben. Es fällt uns ziemlich schwer zu verstehen, daß die Umstände unseres vorgesehenen Aufenthalts nicht glaubwürdig sein sollen, obwohl in einem Brief, den unser Freund und Gastgeber Marcel Kunzmann geschickt hat, die verschiedenen Aktivitäten dargelegt wurden, die nach unserer Ankunft unternommen werden sollen, und in dem die Umstände unseres Aufenthalts erklärt wurden.

Wir möchten, daß Sie verstehen, wie schwer es für zwei Jugendliche wie uns ist, die Nachricht zu erhalten, daß unsere Visa verweigert wurden, zumal mit diesen Gründen und unter diesen Bedingungen, die uns diskriminierend verurteilen. Die in dem von der Botschaft ausgestellten und von Ihnen unterschriebenen Dokument angeführten Gründe erklären uns ebenso wie unseren Freund in Deutschland zu Betrügern und ziehen die Wahrheit einer vor geraumer Zeit entstandene Freundschaft in Zweifel, die aufgrund gemeinsamer Interessen gewachsen ist, auch weil sie in der Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben, in der Lage waren, unsere wahrhaftige revolutionäre Verbundenheit mit unserem Land und unserer Revolution schätzen zu lernen. Sie waren es, die uns im Laufe der Jahre erzogen und gebildet haben und denen wir heute dafür danken, daß einer von uns die Universität abgeschlossen hat und der andere Medizin studieren konnte. Unsere Freundschaft hat sich trotz der Entfernung gefestigt, aufgrund des wachsenden Interesses unseres Freundes, der uns einlädt, sowie von zwei anderen, die wir ebenfalls mit ihm zusammen hier in Havanna kennengelernt haben, sowie von einer weiteren Gruppe Jugendlichen, die auf unserer Reise nach Deutschland kennenzulernen wir gehofft haben. Sie haben Interesse an dem revolutionären Prozeß Kubas und den sich in unserem Land vollziehenden Veränderungen, denn wir haben die verschiedenen Sichtweisen ausgetauscht, immer voller Respekt für das kubanische System. Sie haben unser Interesse für die Entwicklung unseres Landes schätzen gelernt, das sich in aktiver Weise äußert, denn wir sind Jugendliche, die in jeden Prozeß der Revolution integriert sind. Wir gehören beide den Massenorganisationen unseres Landes an und sind Teil der Union junger Kommunisten, einer Organisation, die unsere revolutionären Überzeugungen sehr deutlich macht, denn sie ist teil der politischen Organisationen, die die Jugend vereinen und durch die die Jugendlichen auf für das Land wesentliche Entscheidungen Einfluß nehmen können.

Wir sind keine Juristen, aber wir halten es für ein Recht, das nicht verweigert werden darf, uns frei mit dem, der uns einlädt, und mit anderen Freunden, die wir in Deutschland haben, auszutauschen, ebenso, wie sie es mit uns gemacht haben, solange wir keine Gefahr für die Länder des Schengen-Abkommens darstellen. Wir sind in den deutschen Gesetzen nicht bewandert, aber es ist nicht unsere Absicht, ein Gesetz zu verletzen, daß die von den zuständigen Behörden genehmigte Aufenthaltsdauer in Ihrem Land festlegt. Wie wir bereits erläutert haben ist das Ziel unseres Besuchs, Ihr Land, seine Gebräuche, Menschen und Traditionen kennenlernen zu können.

Der zweite Punkt, mit dem die Ablehnung des Visums wird, werden wir erneut in willkürlicher Weise kriminalisiert, da unsere Absicht angezweifelt wird, in unser Land zurückzukehren. Auf diese Weise werden wir zu möglichen illegalen Einwanderern in deutsches Territorium erklärt.

Es ist heute ziemlich schwierig  das Bild zu beseitigen, dass Kubaner in jedem Land der Welt, in das er reisen möchte, als möglichen Einwanderer sieht. Aber es wird noch schwieriger, wenn bestimmte Umstände uns in diese Kategorie pressen. Wir würden gerne wissen, ob es überhaupt irgendeine Möglichkeit gibt, zu erkennen, wann eine Person ein möglicher Immigrant ist oder nicht und wie man so etwas erkennen kann. Wir fühlen uns hochgradig gedemütigt, daß man uns in diese Kategorie gesteckt hat.

Es ist wohlbekannt, daß wir, als wir den Prozeß der Visabeantragung begonnen haben, bestimmte Dokumente zu Eigentum, Bankkonten oder Kindern nicht vorgelegt haben, nach denen uns am Eingang der Botschaft ein sehr freundlicher Herr, der die vorzulegenden Papiere prüft, gefragt hat. Man könnte meinen, daß diese Dokumente eine Garantie oder ein Anker dafür sein sollen, daß jemand daran gebunden ist, die Zukunft in seinem Geburtsland zu verbringen. Werden diese Unterlagen in jedem Land der Welt gefordert, aus dem Personen nach Deutschland reisen möchten? Ich wage zu sagen: Nein. Aber egal, in welcher Weise dies eine Garantie oder ein Vorteil bei der Entscheidung über die Visaerteilung sein kann, dürfte klar sein, daß solche Personen, die sich für  eine Auswanderung interessieren, nichts haben, das sie fest genug binden kann und bereit sind, alles zu verlieren, um ihr Ziel zu erreichen.

Wie kann eines der oben angeführten Elemente wichtiger sein als die Identifikation, die ein Mensch mit seinem Land und den Prozessen, die seine Regierung durchführt, spürt. Sie können sich vielleicht in unsere Lage versetzen und für einen Augenblick fühlen, was es bedeutet, aus Gründen, die von Ihrem Willen unabhängig sind, als möglicher Immigrant bezeichnet zu werden, weil einige Leute, die sich nicht wirklich als Kubaner gefühlt haben, Fehler gemacht und falsche Entscheidungen getroffen haben. Mit welchem Recht werden Jugendliche wie wir als mögliche Auswanderer katalogisiert, wenn zugleich die kubanische Regierung in ihr Volk und den Grad seiner Integration und Identifizierung mit der Revolution vertraut. Wir sind die wirklichen Beweise für die Realität in Kuba, und wir können die falschen Ansichten widerlegen, die als Stereotypen über den Kubaner kursieren.

Sie verstehen sicherlich auch unseren Ärger, weil die Ausgaben für die Anträge von einem durchschnittlichen Kubaner, also für uns, nicht leicht aufzubringen sind, und es ist hart, lange Zeit haben wir gespart und die Unterstützung unserer Eltern bekommen, um diese Reise durchführen zu können, doch statt dessen werden wir gedemütigt.

Es bleibt Ihnen überlassen, die Wahrhaftigkeit des oben geschriebenen anzuerkennen. Es sind Worte, die aus den Gefühlen zweier junger Kubaner entsprungen sind, zutiefst verärgert über bürokratische Hindernisse, die niemals den Wert eines Menschen und einer Person und seiner Gefühle messen können. Wir bitten Sie einfach, daß unser Antrag auf Ausstellung von Visa erneut begutachtet wird, so daß wir mit unseren Freunden in deren Heimat zusammen sein können, wie dies jede Person auf der Welt tun könnte, und wir dazu beitragen können, das Vorurteil über den Kubaner als potentiellen Auswanderer zu überwinden.

Dankbar und in Erwartung Ihrer Antwort:

Mario José López Torres
Yoel Félix González Rodríguez

Hier der Brief im mario-brief.pdf (231 Downloads)

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