Der Papst, seine Pleiten, seine Pensionierung – Seine bleibende Herausforderung

Dieser Artikel von Dr. Hans-Peter Brenner erscheint in der heutigen UZ (Unsere Zeit– Zeitung der DKP)

„Wir sind Papst!“ Das war einmal. Der mediale Tsunami, der durch den Rücktritt von Benedikt XVI von seinem Amt ausgelöst worden war, hat sich noch nicht gelegt. Auch dieses Mal ist BILD vorneweg dabei. Aber auch die „seriösen“ Blätter haben kräftig an diesem medialen Großereignis mitgewirkt -und mitverdient.

Was bedeutet der Rücktritt?

Joseph Ratzinger ist alt und schwach. Dass er vor Monaten einen Herzschrittmacher eingesetzt bekam – was jetzt erst bekannt gegeben wurde – hat an seinem körperlichen Verfall nichts ändern können.

Jeder sieht es ihm an: seine physische Leistungsfähigkeit ist so reduziert, dass es völlig normal und richtig ist einen solchen Schritt zu tun. Wer an das jahrelange öffentliche und so peinlich vermarktete Siechtum und Sterben seines Vorgängers als „Märtyrertod“ denkt, muss eigentlich froh sein, dass der Welt ein weiteres Trauerspiel dieser Art erspart bleibt. Das war menschenunwürdig,- egal wie man sonst zur Person und zu dieser Institution stehen mag und egal, ob man sich überhaupt für Fragen der Religion interessiert oder auch nicht. Joseph Ratzinger hat sich also rationaler verhalten als Karol Woytila. Dafür kann man ihm ein Wort der Anerkennung hinterher rufen. Egal, ob das ein Jahrtausendereignis ist oder nicht, weil bisher nur einmal ein Papst (Coelestin V) vor über 700 Jahren zurücktrat. Der „liebe Gott“ dürfte auch nichts dagegen haben, dass sein „Stellvertreter auf Erden“ rechtzeitig in Pension gegangen ist. Der Privatmann Ratzinger soll seine letzten Lebenstag verbringen, wie und wo er es möchte. Das geht uns nichts an.

Doch es gibt die wichtigere kirchenpolitische und gesellschaftpolitische Dimension dieser Entscheidung. Benedikts XVI. Amtsführung erinnerte mich an das aus poltischer Sicht ebenfalls gescheiterte verzweifelte Bemühen eines seiner Vorgänger , Pius X. (Amtszeit 1903-1914), der als „Anti-Modernisierungs-Papst“ in die Kirchengeschichte eingegangen ist. Als damaliger Klosterschüler habe ich die fromme Biographie dieses Italieners aus dem Dorf Riese /Provinz Venetien mit heißem Herzen verschlungen. „Ignis ardens“ („brennendes Feuer“), so hieß der Titel dieses erbaulichen und frommen Werkes. Die einfach ländliche und fromme Herkunft, die immer wieder zitierte italienisch Volksspeise „Polenta“, die „la mamma“ ihren vielen Kindern zubereiten musste, weil es nicht zu mehr reichte- das sprach mich, den Sohn einer ebenfalls armen Mutter besonders an. J. Ratzingers einfache bäuerliche Herkunft, seine „charakterliche Schlichtheit“, die jetzt so gerne gerühmt wird, ähnelt sehr diesem „ignis ardens“-Vorbild.

Doch bedeutsamer ist die Ähnlichkeit des theologischen Grundanliegens beider Päpste und deren gemeinsamen Scheiterns. Pius X. hat einen letztlich vergeblichen Kurs zu fahren gesucht, der das Papsttum und seine verblichene weltliche und staatliche Macht zumindest in Form eines dominanten moralischen Gegenspielers gegenüber den Einflüssen „der Moderne“ wieder aufzurichten versuchte (Enzyklika“ „Pascendi Dominici Gregis“ von 1907).. Die damalige Priesterschaft musste einen zusätzlichen Eid („Antimodernisteneid“, der bis 1967 gültig blieb) schwören, dass sie sich gegen die weltlichen Einflüsse und kulturellen Umbrüche, die durch den rasanten Modernisierungsschub des angebrochenen imperialistischen Stadiums des Kapitalismus abgrenzen und abschotten würde. Das führte zwar zu solchen Lächerlichkeiten, dass den Priestern selbst das Fahrradfahren verboten wurde, weil dies unschicklich sei, aber dieser Kurs formierte den Klerus und die Amtskirche zu ihrer militanten Anti-Position gegenüber allem ,was ihren geistig-kulturellen, moralischen aber auch politischen Führungsanspruch in Frage stellte. Und das waren in erster Linie natürlich Marxismus, der Laizismus und die revolutionäre Arbeiterbewegung des frühen 20.Jahhunderts, die zu einer Massenbewegung geworden waren.

Bendedikt XVI war angetreten, um ähnlich vorzugehen. Sein Hauptziel war, die Dominanz des “Relativismus“ und des „Materialismus“ zu brechen. Er hatte mit seinem Amtsantritt die Parole der „Neu-Missionierung Europas“ nach dem Sieg der Konterrevolution in der Sowjetunion und den anderen sozialistischen Ländern verkündet. Was er vorher in Lateinamerika als oberster Inquisitor geschafft hatte , nämlich die Zerschlagung der „Befreiungstheologie“, einer auf ein aktives Eingreifen in die politische Arena zugunsten der Armen gerichtete Konzeption , die teilweise Anleihen an marxistisches Denken akzeptiert hatte oder sogar befürwortete, das schwebte ihm auch für Europa vor.

Denn der „Relativismus“ – so Ratzinger- werde durch den Marxismus, der trotz des Kollaps des realen Sozialismus weiter eine große geistige Ausstrahlung habe und eine wichtige Herausforderung geblieben sei, gespeist.

Nun, man muss kein Marxist und kein Kommunist sein, um zu sehen, dass dies misslungen ist und dass stattdessen, der Einfluss des Papsttums und des Katholizismus während der Amtszeit dieses Papstes in Europa deutlich gelitten hat. Zu sehr steht für die Mehrheit der laizistischen Europäer die aktuelle Auseinandersetzung mit den weltlichen Problemen im Vordergrund und zu stark sind die kulturellen und geistigen Umbrüche seit den 50ger/60ger Jahren, die geradezu kulturevolutionären Charakter besitzen, als dass sie sich an den alten Dogmen und den frauen-, sexual- und menschenfeindlichen Klischees der Ratzinger Theologie und des von ihm noch vor Amtsantritt entwickelten „Katechismus des 20.Jahrhunderts“ orientieren.

Mögen die unglaublichen Missbrauchsskandale und auch die jetzt hochgekommenen Spekulationen über kriminelle Finanzgeschäfte der Vatikanbank oder auch das „vatikan-leak“, mit seinem Enthüllungen über die ganz „weltlichen“ Machtkämpfe und Intrigen innerhalb der vatikanischen Hierarchie noch so sehr in den Medien in den Vordergrund geschoben und durchgehechelt werden. Es ging und geht um etwas Anderes: gescheitert ist die Gesamtlinie dieses Papstes.

Doch die von ihm berufene amtierende konservative Mehrheit der Kardinäle wird diesen Kurs auch nach dem Rücktritt ihres bisherigen Vorgesetzten gewiss fortsetzen wollen. Und deshalb wird dem Nachfolger auch das Wohlwollen der Bourgeoisie und ihrer Medien gewiss sein. Mit einem jüngeren und physisch stärkeren neuen Papst an der Spitze wird gewiss die Kontinuität des Ratzinger Kurses beschworen.

Für den Marxismus bleibt die geistige und ideologische Herausforderung durch die Ratzinger-Theologie aktuell. Was sind unsere politischen, sozialen, ökologischen, kulturellen und ethischen Werte? Warum muss ein revolutionärer Bruch mit den Strukturen und Ursachen einer inhumanen Produktionsweise angestrebt werden? Warum reichen dafür nicht Appelle an das „Gewissen“ der Reichen und Mächtigen? Warum kann man sich nicht mit Brosamen und Almosen sowie Reformen / Reförmchen begnügen?

Fragen auf die Marxisten und Kommunisten Antworten geben müssen. Antworten, über die wir dank unserer marxistisch-leninistischen Weltanschauung und unserer Programmatik eigentlich verfügen.

Dr. Hans-Peter Brenner

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