Die DDR und ihre Töchter

Claudia Wangerin: Die DDR und ihre Töchter

Claudia Wangerin: Die DDR und ihre Töchter

Zwei Welten

Das Thema »Feminismus« war in den neunziger Jahren fast eine Garantie für heißblütige Diskussionen, wenn Frauen aus Ost und West zusammenkamen. Manche von uns konnten es kaum fassen, wenn eine selbstbewußte Ex-DDR-Bürgerin auf die Frage nach ihrem Beruf ganz unbekümmert antwortete: »Ick bin Zahntechniker«, oder: »Ick bin Bauingenieur.« Wie konnten emanzipierte Frauen so wenig Wert auf die korrekte weibliche Form legen?

Während wir uns zeitweise bemühten, die Sprache ordentlich zu »gendern«, indem wir über alle möglichen Menschengruppen stets mit der weiblichen Endung sprachen – FreundInnen, KollegInnen, ArbeiterInnen –, taten sie das noch nicht einmal bei sich selbst. Für sie zählte der Fakt, daß sie einen bestimmten Beruf ausübten – nicht die politisch korrekte Sprache. Sie waren in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der vieles selbstverständlicher war. Vor allem das eigene Arbeitseinkommen – und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Inzwischen gibt es wieder eine gesamtdeutsche Frauengeneration, die ohne diese Selbstverständlichkeiten aufgewachsen ist. Vorher prallten nicht nur sprachlich Welten aufeinander, sondern auch inhaltlich – von der Arbeitsethik bis zur Sexualität.

Emanzipation in Ost und West

Ein linkes, emanzipatorisches Selbstverständnis war für Frauen in der BRD schon immer eine Suche nach dem richtigen Leben im falschen. Die Erwerbsarbeit erwies sich d abe i als zweischneidiges Schwert: Einerseits versprach sie die Unabhängigkeit von einem Ernährer, auf der anderen Seite bedeutete sie oft eine subjektiv als härter empfundene Fremdbestimmung – und meistens die Abhängigkeit von einem Unternehmer. Die Wahrheit ist immer konkret – und in manchen Firmen verkam die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau zum abstrakten Begriff. Besonders dann, wenn ihr die Arbeitsmarktsituation keinen Wechsel erlaubte. Traditionell waren die BRD-Gewerkschaften stärker in den Branchen organisiert, die überwiegend Männer beschäftigten. Frauen arbeiteten seltener in Großbetrieben als Männer, und in den Kleinbetrieben der Privatwirtschaft waren patriarchalische Verhältnisse keine Seltenheit. Der Chef sah sich als Fami­lien­oberhaupt – natürlich ohne seinen Lebensstandard mit dem Rest der »Familie« zu teilen. Statt dessen wurde auf diesem Weg psychischer Druck ausgeübt. Hinzu kam die Entfremdung der Arbeit, die in der DDR zwar nicht aufgehoben, aber in mancher Hinsicht entschärft war.

Im Westen blieb der gesellschaftliche Sinn der Arbeit oft verborgen. (…) Entfremdete Arbeit wie strukturelle Arbeitslosigkeit ließen es im Westen für beide Geschlechter fragwürdig erscheinen, ob noch so etwas wie eine ethische Verpflichtung zur Arbeit bestand. Viele Jugendliche kamen zu dem Schluß, daß es legitim sei, das Spiel nicht mitzuspielen. Die Umweltbewegung, mit der in den siebziger Jahren viele Frauen zu sympathisieren begannen, sowie anarchistische Strömungen stellten die Konsumgewohnheiten des modernen Wachstumskapitalismus in Frage – und damit auch einen Teil der Erwerbsarbeit. Wer sich die Sinnfrage stellte, fand im Westen weniger Gründe, um Sekundärtugenden zu pflegen. Das erklärt heute noch große Mentalitätsunterschiede in Ost und West.

Nach 1990 war Arbeitslosigkeit für die Töchter und Söhne der DDR eine schlimmere Demütigung als für Westdeutsche, die schon mit dem Bewußtsein aufgewachsen waren, daß es Arbeitslosigkeit gibt. Ein Teil der Betroffenen hatte sich trotz der Stigmatisierung als »Sozialschmarotzer« damit arrangiert und wollte nicht mehr mit den Arbeitssuchenden konkurrieren. Für Frauen bot sich außerdem die Rückkehr zum traditionellen Rollenbild als Alternative an.

In der DDR hatte die Arbeit einen anderen Stellenwert. Sie wurde nicht immer geliebt, aber sie gehörte zum Leben. Und obwohl man ohne Angst vor Arbeitslosigkeit auch entspannter arbeiten konnte, wurde sie in mancher Hinsicht ernster genommen – das betonen gerade ältere Frauen aus dem Osten, deren Generation im Westen Deutschlands noch stark hausfraulich geprägt ist. Auch wenn sich nicht alle gleichermaßen mit ihrem Beruf identifizieren konnten, bedeutete Arbeit in der DDR doch Unabhängigkeit. Prekäre Jobs für die Frau als bloße Hinzuverdienerin waren politisch nicht gewollt. Außerdem war der gesellschaftliche Sinn der Arbeit leichter zu vermitteln – gerade weil es sich nicht um eine Überflußgesellschaft handelte.

Gleichzeitig mußte niemand eine übertriebene Identifikation mit seiner Arbeit heucheln. Westdeutsche Touristen beklagten sich oft über das ungewohnte Verhalten von Kellnern und Verkäuferinnen in der DDR, denen marktwirtschaftliche Prinzipien wie »Der Kunde ist König« und »Wer zahlt, schafft an« völlig fremd zu sein schienen. Der Kunde war für sie ein gewöhnlicher Mensch, der sich selbstverständlich auch mal irren konnte. Die Kellnerin und der Verkäufer standen nicht unter ihm. Sie machten einfach ihre Arbeit und mußten keine Angst haben, ihren Job zu verlieren, wenn sie ihn nicht wie einen König behandelten. Das war ein Ausdruck von Freiheit, auch wenn es für den, der eine mißgelaunte Verkäuferin antraf, eben kein freundliches Lächeln bedeutete. Wer einen Laden mit der Einstellung betritt, daß er für diese Freiheit bereit ist, auf ein künstliches Lächeln zu verzichten, der bekommt mit höherer Wahrscheinlichkeit ein echtes.

In der BRD war und ist das Verhältnis von Schein und Sein in der Arbeitswelt ein anderes. Der gesellschaftliche Sinn einer Tätigkeit bestimmte nur selten ihr Ansehen und die Verdienstmöglichkeiten. Mitunter wurde der Verdienst gleich ganz durch die Ehre ersetzt. Soziale und gesellschaftlich sinnvolle Aufgaben wurden zu einem erheblichen Teil auf das Ehrenamt abgewälzt, während zum Beispiel in der Werbebranche gutes Geld verdient wurde. Als in den siebziger und achtziger Jahren das Stigma der »Rabenmutter« für berufstätige Frauen mit Kindern an Bedeutung verlor, wurde es zugleich auf dem Arbeitsmarkt enger. Während die Gewerkschaften Arbeitszeitverkürzungen forderten, gaben Konservative den berufstätigen Frauen die Schuld.

So etwas glaubten die Frauen im anderen Teil Deutschlands überwunden zu haben. Als ihr Staat aufhörte zu existieren, kam es zu ihnen zurück. In den neunziger Jahren hatten viele Frauen schmerzliche Aha-Erlebnisse. Die Abwicklung der Volkswirtschaft der DDR verbannte sie nicht nur massenhaft aus dem Arbeitsleben, es wurde auch noch erwartet, daß sie sich diskret aus der Arbeitslosenstatistik verabschiedeten, indem sie sich mit der Hausfrauenrolle zufriedengaben. Für die florierende Arbeitslosigkeit im neuen Bundesland Sachsen machte der damalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf – ein Westimport mit CDU-Parteibuch – die »überhöhte Erwerbsneigung« der Frauen verantwortlich. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage funktionierte in diesem Punkt nicht.

Das Problem war in der alten BRD längst bekannt. Seit die Wirtschaftswunderjahre zu Ende waren, verschärfte sich die Konkurrenz unter den Arbeitssuchenden und Lohnabhängigen. Die Verhandlungsposition der Berufseinsteiger verschlechterte sich – und erst recht die der Frauen, die nach einer Kinderpause wieder einsteigen wollten. Durch die leichte Ersetzbarkeit der meisten Arbeitskräfte litt häufig auch das Arbeitsklima in den Betrieben. Unter der angespannten Situation auf dem Arbeitsmarkt empfanden Frauen die Erwerbsarbeit nicht als Ausdruck der Emanzipation, sondern als Last. Wenn sie nicht zwingend notwendig war, um den Unterhalt der Familie zu sichern, war die Hausfrauenrolle eine Rückzugsmöglichkeit, die das weibliche Geschlecht traditionell nicht entehrte.

Die Verbindung von Erwerbsarbeit und Selbstverwirklichung gelang nur wenigen. In der BRD konnten zwar häufiger Studiengänge nach Neigung belegt werden als in der DDR. Die Ernüchterung kam allerdings später, wenn die erworbene Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt war – und die Fähigkeit zur Selbstvermarktung spielte oft keine geringere Rolle als die fachliche Kompetenz. Die professionelle Vorbereitung auf Bewerbungen entwickelte sich zum eigenen Wirtschaftszweig. Frauen wurden und werden dabei besonders genötigt, über Äußerlichkeiten nachzudenken: Was ist zu burschikos, was zu sexy? Sitzt da ein Personalchef oder eine -chefin? Muß ich mir für das Vorstellungsgespräch ein Kostüm kaufen, das ich privat nie anziehen würde? Darf eine Sekretärin überhaupt kurzgeschnittene Fingernägel haben? Kann eine Ingenieurin klassisch feminin aussehen, oder wird sie dann nicht ernst genommen?

Vorurteile gab es in beiden Teilen Deutschlands, aber zum Tragen kamen sie vor allem dort, wo es um geschickte Eigenwerbung ging. Kinder waren dabei für Bewerberinnen ein weitaus größerer Minuspunkt als für Bewerber. Daran hat sich bis heute in der BRD nicht viel geändert. (…)

Schwenk nach rechts

Die feministische Kritik am »Familienlohn« erhielt einen bitteren Beigeschmack, als sich unter diesen Rahmenbedingungen die Norm der Doppelverdienerfamilie durchsetzte: »Was macht es schon, daß die hinter dem neuen Leitbild verborgene Realität in abgesenkten Entlohnungsniveaus besteht, in verminderter Arbeitsplatzsicherheit, sinkenden Lebensstandards, einem steilen Anstieg der pro Haushalt geleisteten Lohnarbeitsstunden, verschärften Doppelschichten – jetzt oft schon dritte und vierte Schichten – und einer Zunahme der Zahl weiblicher Haushaltsvorstände?« Diese Frage warf die Politikwissenschaftlerin Nancy Fraser im Rückblick auf rund 40 Jahre Neue Frauenbewegung in der Zeitschrift New Left Review im März 2009 auf. Fraser selbst ist eine der bekanntesten nordamerikanischen Feministinnen – und heute davon überzeugt, daß die Neue Frauenbewegung eine wesentliche Gefahr unterschätzt hat: »Der desorganisierte Kapitalismus macht aus Scheiße Gold, indem er über die neue Geschlechtergerechtigkeit fabuliert und darüber, wie herrlich weit die Frauen es doch gebracht hätten.«

Daraus ergibt sich auch der tiefe Graben zwischen Feministinnen und »normalen« Frauen. Die sehen zwar gewisse Errungenschaften der Frauenbewegung als ihre selbstverständlichen Rechte an – wie etwa das Recht, eine unglückliche Beziehung oder Ehe nicht weiterführen und eine ungewollte Schwangerschaft nicht austragen zu müssen –, sie wollen aber deshalb nicht zwangsläufig etwas mit Feminismus zu tun haben. Je nach Definition bewerten sie ihn sogar ausgesprochen negativ, auch wenn sie selbst keineswegs Heimchen am Herd sind. Es geht ihnen nicht um Ideologie, sondern um Lebensqualität.

Zu einer grundlegenden Systemkritik konnten sich in der BRD nur wenige Feministinnen entschließen. Eine von ihnen ist Frigga Haug, die 1937 in Mülheim an der Ruhr geboren wurde. In ihrem 2008 erschienenen Buch »Die Vier-in-einem-Perspektive« geht die Philosophin davon aus, daß zu einem erfüllten Menschenleben vier Tätigkeitsfelder gehören, die gleichberechtigt nebeneinander stehen: Erwerbsarbeit, Fürsorge- oder Reproduktionsarbeit, Arbeit an der Gesellschaft und Arbeit an sich selbst, zum Beispiel in Form von Weiterbildung, Sport und Kultur. Sowohl Frauen als auch Männer sollen demnach die Möglichkeit haben, neben der Erwerbsarbeit sorgende Tätigkeiten für sich selbst, ihre Familie und ihre Freunde zu verrichten, sich politisch zu engagieren, aber auch ihren eigenen Interessen im künstlerischen, musikalischen oder sportlichen Bereich nachzugehen. Grundvoraussetzung für die Massentauglichkeit dieses Lebensmodells ist aber die gerechte Verteilung der Erwerbsarbeit auf alle gesunden Schultern.

In der DDR war diese Voraussetzung weitgehend erfüllt, aber die Produktivkraftentwicklung reichte noch nicht aus, um die Arbeitszeit so zu verkürzen, daß arbeitende Mütter und Väter, die sich zudem noch politisch und gesellschaftlich engagierten, immer genug Zeit für sich selbst, ihre persönlichen und kulturellen Interessen gehabt hätten. Frigga Haug geht heute von vier Stunden aus, die täglich für klassische Erwerbsarbeit reserviert wären, wenn diese gerecht verteilt und an den Notwendigkeiten des Gemeinwohls orientiert wäre. Mit diesem Denkansatz sympathisieren heute linke Frauen verschiedener Strömungen in Ost und West (…)

Aber die Zeiten, in denen Feministinnen fast zwangsläufig links standen, sind vorbei. Im Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen 218 waren bürgerliche Feministinnen in der BRD noch mit den Frauen und Männern der außerparlamentarischen Linken vereint oder standen sogar an vorderster Front. Eine zündende Idee hatte Alice Schwarzer aus Frankreich mitgebracht: 1970 hatten sich in der Zeitschrift Le Nouvel Observateur 343 Französinnen zur Abtreibung bekannt, darunter Simone de Beauvoir und die Schauspielerin Catherine Deneuve. Am 6.Juni 1971 veröffentlichte der Stern auf seinem Titel mit der Schlagzeile »Wir haben abgetrieben« die Bilder und Namen von 28 Frauen. (…)

Die Kampagne hat maßgeblich dazu beigetragen, daß ein Schwangerschaftsabbruch in der BRD ohne Strafverfolgung möglich ist. Aufgrund solcher Verdienste behielten bürgerliche Feministinnen vom Typ Schwarzer, die sich später in vielen Punkten nach rechts entwickelten, noch für lange Zeit großen Einfluß auf Frauen, die sich zur außerparlamentarischen Linken zählten. (…)

Die bürgerliche Prägung der tonangebenden BRD-Feministinnen war daran abzulesen, wie sehr sie die Belange der Frau aus dem Bildungsbürgertum in den Vordergrund stellten. Es ging um Spitzenpositionen – und um die »gläserne Decke«, an die vergleichsweise privilegierte Frauen in Wirtschaft und Politik stoßen, wenn sie ganz nach oben wollen. Die Lage der Frauen aus weniger privilegierten Schichten blieb oft unbeachtet.

Auch die Situation der Migrantinnen in der BRD wurde von bürgerlichen Feministinnen erst lange nach der deutschen Wiedervereinigung aufgegriffen – und das oft sehr einseitig, begrenzt auf die Kritik an muslimischen »Parallelgesellschaften«. Nur selten wurde in diesem Zusammenhang erwähnt, daß der Sozialabbau nach 1990 gerade Frauen den Ausstieg aus solchen konservativen Clanstrukturen erschwerte. Mit der sogenannten Arbeitsmarktreform HartzIV wurde im Januar 2005 das Ernährerprinzip gestärkt – auch feministisch angehauchte Grünen-Politikerinnen hatten ihren Segen dazu gegeben. Der Anspruch auf Lohnersatzleistungen hängt seither für verheiratete Frauen und Männer vom Partnereinkommen ab.

Zu einer radikalen Kritik an dieser neoliberalen Reform konnte sich auch Deutschlands bekannteste Feministin Alice Schwarzer nicht durchringen. Statt dessen unterstützte sie als Herausgeberin der Zeitschrift Emma den Wahlkampf der späteren Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Grad ihrer Sorge um das Wohl der arbeitenden Frauen mit dem Spruch »Wir brauchen einen Niedriglohnsektor« gezeigt hatte. Gewerkschafterinnen waren zu diesem Zeitpunkt der Meinung, daß es schon längst einen Niedriglohnsektor gab – sie waren darüber gar nicht so glücklich und rechneten zudem vor, daß überwiegend Frauen in diesem Sektor beschäftigt waren. (…)

Die Quittung für ihre Systemblindheit bekommen Feministinnen der Generation Schwarzer heute im Westen Deutschlands vor allem von jüngeren Frauen, die sich nicht selten fragen: »Was hat uns das ganze Emanzengedöns denn gebracht außer einem Haufen Arbeit und weichgespülten Männern?«

Der bürgerliche Feminismus, der in Schwarzers Wahlkampf für die CDU-Kanzlerin gipfelte, hat allerdings wenige Jahre zuvor noch links­autonome Feministinnen beeinflußt – zumindest in ihrer Verteufelung tatsächlicher oder vermeintlicher Pornographie. Im Zuge ihrer »PorNO«-Kampagne von 1987 hatte Schwarzer mit der späteren Justizsenatorin von Hamburg und Berlin einen Gesetzentwurf gegen Pornographie vorgelegt, der das bisher geltende Strafgesetz ablösen sollte. Außerdem bezeichnete sie erotische Aktfotografien von Helmut Newton als »faschistisch«. (…)

Feminismus trifft Ostfrau

In der DDR hatten sich die Leserinnen der Unterhaltungszeitschrift Das Magazin weniger an der Abbildung weiblicher Nacktheit gestört als an der Abwesenheit männlicher Nacktheit. 1974 hatte dies zu einer breiten Leserbrief-Diskussion geführt: »Alle hier anwesenden Frauen bitten Das Magazin, aufgrund der Gleichberechtigung der Frau in Zukunft wenigstens im März anläßlich des Frauentages das Aktfoto eines Mannes zu veröffentlichen«, schrieb eine Frauenfeiertagsgesellschaft. Ein männlicher Leser empfand es sogar als Diskriminierung seines Geschlechts, daß bis dato nur die Schönheit des weiblichen Körpers gewürdigt worde n war. Im Februar 1975 wurde dann endlich dem Wunsch der Leserinnen und Leser nach einem nackten Mann entsprochen.

Die Tendenz zur Sexualfeindlichkeit war ein berechtigter Kritikpunkt vieler Ostfrauen an Westfeministinnen, und sie war auch ein wichtiger Grund, warum der Feminismus von einem Großteil der jüngeren Frauen in Ost und West abgelehnt wurde. Dieses Problem teilten linke Feministinnen mit bürgerlichen.

Während die bürgerlichen nach Macht und Anerkennung strebten, entzogen sich linke, autonome Feministinnen so weit es ging der Gesellschaft, die sie kurzfristig nicht ändern konnten. Einige gründeten alternative Frauencafés oder Frauenbuchläden. Manche sahen den Feminismus als wichtiges Kernelement zur Befreiung der Menschheit an, organisierten sich aber politisch in »gemischten« Gruppen, wo sie versuchten, das Bewußtsein in ihrem persönlichen Umfeld zu ändern. Dabei unterzogen sie gerade die Männer einer besonders radikalen Kritik, die ihnen weltanschaulich am nächsten standen. Andere organisierten sich politisch in reinen Frauengruppen, lebten in Frauenwohngemeinschaften und lehnten heterosexuelle Kontakte nicht nur aus persönlicher Neigung, sondern auch aus politischen Gründen ab: Sex mit Männern war aus ihrer Sicht Kollaboration mit dem Patriarchat.

Viele der ehemaligen DDR-Bürgerinnen, die mit dieser Ideologie in Kontakt kamen, brachten Feminismus in erster Linie mit Männerhaß in Verbindung. Anstelle eines gesunden Selbstbewußtseins bei den Westfrauen stellten sie eine grobe Verunsicherung bei den Westmännern fest: »Als ich aus dem Osten in den Westen kam, habe ich mich wohl ähnlich gefühlt wie eine Frau, die aus Lateinamerika nach Europa kommt – nämlich als Frau nicht mehr existent«, sagt Simone, Jahrgang 1963 und gelernte Elektrikerin. »In der DDR war es so: Da wurde geflirtet. Da bekam man als Frau auch mal mitten auf der Straße ein Kompliment oder einen Strauß Blumen in die Hand oder wurde zum Kaffee eingeladen. Männer und Frauen haben sich durchaus wahrgenommen. Und im Westen war das plötzlich weg – da habe ich nur lauter verunsicherte Männer gesehen, die sich nicht mal mehr getraut haben, mir die Tür aufzuhalten.« War die Prüderie der Nachkriegszeit später nur mit anderen Vorzeichen versehen worden? – Nein, ganz so einfach war es nicht.

Ihren Ursprung hatte die feministische Tendenz zur Sexualfeindlichkeit im berechtigten Ärger der Frauen darüber, wie egoistisch manche Männer die »sexuelle Revolution« der Studentenbewegung von 1968 auslegten. (…)

Auf der 23.Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt am Main kam es am 13.September 1968 zu einem Eklat, der als »Frankfurter Tomatenwurf« in die Geschichte einging und für viele den Beginn der »Neuen Frauenbewegung« markiert. Die Delegierte Helke Sander hatte eine Rede gehalten, in der sie den männlichen SDS-Mitgliedern vorwarf, die spezifische Ausbeutung der Frauen im privaten Bereich zu tabuisieren, und den SDS als »Spiegelbild gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse« bezeichnete. Weil die männlichen Delegierten nicht bereit waren, ihre Thesen zu diskutieren, und der nächste Redner, Hans-Jürgen Krahl, mit keinem einzigen Wort auf den Beitrag einging, bewarf die Berliner Studentin Sigrid Rüger ihn und den SDS-Vorstand mit Tomaten.

In der DDR war wenige Monate zuvor im Volksentscheid mit 94,49 Prozent Ja-Stimmen eine sozialistische Verfassung angenommen worden. »Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens«, stand in Artikel 20. »Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifizierung, ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe.« Diese Politik hat ihre Spuren hinterlassen.

»Die Westfrauen waren der Meinung, sie müßten uns armen Ostfrauen erklären, wie es richtig laufen sollte. Die wollten uns dabei helfen, unsere Freiheit durchzusetzen«, so die Schauspielerin Walfriede Schmitt über ihre ersten Begegnungen mit westdeutschen Feministinnen nach 1989.(1) »Nur leider waren die drüben viel weiter zurück als wir. Selbst die Abtreibung war im Westen ja noch halbwegs illegal. Wenn du in der DDR abtreiben lassen wolltest, dann mußtest du keinem Rede und Antwort stehen. Mal abgesehen davon, daß es im Westen viel mehr Hausfrauen gab.«

Anmerkungen

(1) Souveräne Frauenkraft. Interview mit Walfriede Schmitt. In: Neues Deutschland, 27.2.2010

Erscheint in diesen Tagen: Claudia Wangerin, Die DDR und ihre Töchter, Verlag Das Neue Berlin, 208 S., 12,95 Euro, ISBN 978-3-360-01989-9

Buchpräsentation mit der Autorin am Dienstag, 22. Juni, um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie, Torstr. 6, Berlin-Mitte

Quelle: junge Welt, Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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