Ein linkes Bündnis zum CSD München

Queer CSD München 2009

Am Wochenende vom 11.07. bis 12.07.2009 wird es auf dem CSD München 2009, der unter dem Motto „Lust auf Leben“ stattfindet, ein breites linkes Bündnis geben.

Text des Bündnisflyer vom CSD München

40 Jahre Stonewall Aufstand

Es waren nicht die Anzugträger

Flugschrift zur Politparade des CSD München am 11. Juli 2009, 12 Uhr Marienplatz

Kämpferische Tunten, Transen, obdachlose Latinos und Lesben begannen am 28. Juni 1969 den Aufstand gegen Unterdrückung und Verfolgung durch die Polizei. Daran wollen wir uns nach vierzig Jahren erinnern. Es waren nicht die Anzugträger der etablierten schwulen Szene und aus den schicken, anerkannten Bars, die das ausgelöst haben, was wir „Gay Liberation“ nennen. Während einer Razzia im schmuddeligen, illegalen Stonewall Inn, der Heimat all jener, die selbst an den geduldeten Orten homosexueller Geselligkeit nicht geduldet wurden, entzündetet sich der militante Befreiungskampf. Dort wurde die Gay Liberation Bewegung geboren, ohne die Pride Parades undenkbar wären – weder in München noch anderswo.

The Village Voice:

„A stagnant situation there brought on some gay tomfoolery in the form of a chorus line facing the line of helmeted and club-carrying cops. Just as the line got into a full kick routine, the TPF advanced again and cleared the crowd of screaming gay power[-]ites down Christopher to Seventh Avenue.“

Duldung nach Kassenlage

Razzien der Polizei waren im New York des Jahres 1969 schon nicht mehr alltäglich. Wenn die Polizei gewalttätig vorging, dann gegen Treffen in der Öffentlichkeit und gegen Bars ohne Lizenz von Schwarzen, Latinos und Homos. Heute wie damals werden uns immer noch die Bedingungen diktiert, unter denen wir leben dürfen.

Mittlerweile akzeptiert der Staat nicht-eheliche Lebensgemeinschaften und es muss sich nicht einmal um traditionelle Paarbeziehungen handeln. Wenn es darum geht, im Sozialbereich Kosten zu sparen, dann erhalten auch polyamouröse Wohngemeinschaften volle staatliche Anerkennung. In der „Bedarfsgemeinschaft“ der Hartz-Gesetze spielen traditionelle Familienbilder keine Rolle mehr. Hier wird jede und jeder finanziell in die Pflicht genommen.

Glaube, Liebe, Heilung

Weniger duldsam als die Sozialgesetzgebung sind hingegen einige angebliche Psychotherapeuten, die Homosexualität als krankhaft einstufen und dementsprechend „Heilung“ versprechen. Solche Leute traten im Mai auf einem Kongress in Marburg auf und versuchten es im vergangenen Jahr auf dem „Christival“ in Bremen. Dahinter steckt ein christlich-fundamentalistisches, repressives Bild vom „natürlichen, gesunden Wesen“ des Menschen als lebenslang eindeutig männlich oder weiblich sowie heterosexuell und monogam (mit entsprechenden Rollenerwartungen an „echte“ Männlichkeit oder Weiblichkeit). Homosexualität stellt für Gesellschaftsentwürfe, die auf der Ausnutzung von Menschen einschließlich ihrer intimsten Aktivitäten beruhen, eine Gefahr dar, weil sie Lustgewinn verspricht, ohne sich zur Fortpflanzung nutzbar machen zu lassen. Aus den gleichen Gründen werden Frauen als Gebärmaschinen betrachtet, auf die ihnen zugeschriebene Mutterrolle getrimmt und ihnen die freie Verfügung über ihren Körper abgesprochen: Menschen existieren nicht für sich selbst, sondern um Gott, Volk oder Vaterland zu dienen. Es verwundert daher nicht, wenn trotz inhaltlicher Unterschiede christliche Funda­men­ta­list_innen und Nazis zusammen gegen das Recht auf Abtreibung demonstrieren. So geschehen auf dem 1000-Kreuze-Marsch 2008 in München. Eine solche Veranstaltung ist für den 10. Oktober 2009 leider wieder geplant Aber auch in diesem Jahr wird es Gegenaktionen geben.

Die Krise bringt es an den Tag

Sexuelle Praktiken, Orientierungen und Identitäten werden im Kapitalismus gewährt, solange seine uneingeschränkte Herrschaft nicht in Zweifel gezogen wird. Das tut dem alltäglichen Regierungssexismus allerdings keinen Abbruch. Es ist kein Zufall, dass die überwiegend männliche Belegschaft von Opel mit Milliarden gerettet wird, bei den überwiegend weiblichen Beschäftigten von Karstadt eine Unterstützung jedoch als unzumutbar empfunden wird. Eine Rückkehr zu Heim und Herd ist schließlich immer möglich. Dabei ist die Fortführung von Opel wirtschaftlich nicht aussichtsreicher als die des Karstadt-Konzerns Arcandor.
Nicht den geringsten Zweifel an der Bedürftigkeit gibt es hingegen, wenn es um 100 Milliarden Euro für die Hypo Real Estate geht, deren männliches Management seine Geschäfte mit krimineller Energie betrieben hat. Wenn die Einführung von Mindestlöhnen verweigert wird, dann trifft das in erster Linie Frauen. Wenn sich der Kampf um den einzelnen Arbeitsplatz verschärft, dann sind es Frauen, Migrant_innen und Queers, denen Vorurteile und Diskriminierung zur existentiellen Bedrohung werden. Daran ändern auch staatliche Preise und Auszeichnungen für diskriminierungsfreie Unternehmen nichts.

Gegen Rassismus, Faschismus, Sexismus, Homo- und Transphobie

In Zeiten, in denen es finanziell eng ist und die Lage prekär wird, schüren die bürgerlichen Medien gern Missgunst und vorhandene Vorurteile. Egal ob es unverschämte Kranke, reiche Rentner, dumme Junge, faule Ausländer, betrügerische Hartz-IV Bezieher oder sozialschmarotzende Asylanten sind, Hauptsache sie bekämpfen sich untereinander und die eigentlichen Profiteure, können weiter ihren spekulativen und kriminellen Geschäften auf Kosten aller nachgehen. Auch dagegen müssen Queers aufstehen!
Sexistische Machtstrukturen und Rollenerwartungen in Beziehungen und Gruppen sind jedoch nicht auf Heterosexuelle beschränkt. Auch in der Szene gibt es eine schwul-männliche Dominanz. Lesbische Lebensentwürfe werden nicht sichtbar. Außerdem lässt sich eine zunehmende Kommerzialisierung der schwulen Szene beobachten, die mit der Ausgrenzung von weniger gut betuchten, weniger stylisch aussehenden und teilweise auch von als ethnisch nicht deutsch wahrgenommenen Menschen einher geht.
Rechte und Freiheiten, ein solidarisches Leben, fern von Unterdrückung und erzwungener Abhängigkeit, müssen erkämpft werden. Das ist die Lehre, die wir heute aus dem Aufstand im Stonewall Inn ziehen.

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