Erdbeereis – auch für Männer

Im Kabarett Rumayor auf Kuba gehen schwule Tänzer heute offen mit ihrer Sexualität um, an Schulen wirbt das staatliche Institut CENESEX für Toleranz. Zu diesem Wandel hat der Film »Fresa y Chocolate« wesentlich beigetragen
Von Mario Arcadi, Havanna

Wir danken der Tageszeitung JungeWelt die uns den Abdruck ermöglicht hat!

Showtime im Rumayor! Kabarett, das ist Kuba pur – farbenprächtige Kostüme, lateinamerikanische Rhythmen und akrobatische Tanzeinlagen Foto: Mario Arcadi

Showtime im Rumayor! Kabarett, das ist Kuba pur – farbenprächtige Kostüme, lateinamerikanische Rhythmen und akrobatische Tanzeinlagen
Foto: Mario Arcadi

Juan, ein schwuler kubanischer Künstler, den ich bei einem Fototermin im Kabarett Rumayor der Provinzhauptstadt Pinar del Río kennenlernte, schwärmt: »Als vor 20 Jahren ›Fresa y Chocolate‹ in die Kinos kam, war es endlich vorbei mit dem Leben hinter den Kulissen und der Angst vor Diskriminierung. Ich ging aus dem Kino, umarmte voller Stolz meinen Freund – in aller Öffentlichkeit – und hatte das Gefühl, plötzlich in einer anderen Welt zu leben.« Das Lexikon des internationalen Films beschreibt den 1994 uraufgeführten Film des kubanischen Meisterregisseurs Tomás Guitiérez Alea als »ein menschlich bewegendes und äußerst unterhaltsames Plädoyer für Respekt und Toleranz«. »Erdbeer und Schokolade« war aber nicht nur ein Kino-Hit, sondern hat auf Kuba eine profunde Auseinandersetzung und ein radikales Umdenken in der Gesellschaft ausgelöst.

Erdbeereis für Schwule

Die Handlung des Films spielt in der Hauptstadt Havanna und beginnt in der weltweit bekannten Eisbar »Coppelia«. Der linientreue Student David setzt sich an den einzigen freien Platz zu dem Künstler Diego. Dieser lobt das gute Erdbeereis und gibt sich gewissermaßen als Schwuler zu erkennen, denn dies galt dafür in Kuba bei einem Mann als sicheres Anzeichen. David dagegen ißt, wie es sich – damals – für einen »richtigen« Mann gehörte, Schokoladeneis und weist empört Diegos Anmachversuche zurück.

Hinter den Kulissen Zwischen den einzelnen Nummern muß das Umkleiden schnell gehen. Vier Männer und zwei Frauen helfen den Künstlern dabei und kümmern sich um die Maske, die Garderobe und die Accessoires Foto: Mario Arcadi

Hinter den Kulissen
Zwischen den einzelnen Nummern muß das Umkleiden schnell gehen. Vier Männer und zwei Frauen helfen den Künstlern dabei und kümmern sich um die Maske, die Garderobe und die Accessoires
Foto: Mario Arcadi

Als David den schwulen Künstler bei seinen Parteifreunden denunziert, bekommt er den Auftrag, sich zum Schein auf eine Freundschaft mit der »suspekten Person« einzulassen. Ohne daß er dies beabsichtigt, entsteht zwischen den beiden aber eine echte Freundschaft, in der die Probleme und Widersprüche der damaligen Gesellschaft im Umgang mit sexuellen Minderheiten auf eindringliche Weise offengelegt werden.

20 Jahre später, es ist kurz nach 22 Uhr. Mit den ersten Gästen, die sich einen guten Platz in der Nähe der Bühne sichern wollen, treffe ich im Kabarett ein. Nur, daß ich erst einmal hinter die Kulissen will. Dort herrscht schon ein wildes Durcheinander von Menschen, Taschen, Kleidern und allen möglichen Schmink­utensilien. Ständig kommen neue Leute an. Man küßt und umarmt sich, wie das auf Kuba üblich ist. Wegen der Fotos solle ich nach Juan fragen, hatte man mir am Telefon gesagt. Also frage ich nach Juan, und ein etwa 20jähriger Tänzer zeigt auf einen älteren Herrn hinter sich, der ihm gerade in sein Kostüm hilft. Ohne von seiner Arbeit aufzuschauen, erklärt er mir, daß er jetzt aber keine Zeit habe, denn seine Jungs müßten in zehn Minuten geschminkt und im Kostüm auf der Bühne stehen. »Hier gibt es nur einen Hetero«, bemerkt ein anderer junger Tänzer, der sich vor dem Spiegel schminkt. »Nein, nicht du«, ergänzt er, als er meinen betroffenen Ausdruck sieht und deutet auf einen Tänzer am anderen Ende des Schminktisches. Ich frage den einzigen Hetero, wie er sich als Minderheit fühlt, worauf alle lachen und symbolische Küsse in seine Richtung schicken. »Den kriegen wir auch noch herum«, behauptet Juan und ergänzt mit – vorgetäuschtem – ernsten Ausdruck: »Nein, wir sind ja tolerant und haben nichts gegen Heteros«. Dann beteuert er ausdrücklich, daß sich hier alle wie eine große Familie fühlen und respektieren. Nur die Eltern der Freundin hatten am Anfang Bedenken, aber inzwischen haben sie sich auch daran gewöhnt, daß alle Kollegen schwul sind. Als die Gruppe auf die Bühne geht, ruft er mich zu sich: »Setz dich, nun habe ich Zeit für ein Gespräch.«

Wenig Lohn, mehr Freiheiten Letzte Aufwärmübungen vor dem Auftritt. Hinter den Kulissen lagern die Künstler Taschen, Kleider und Schminkutensilien Foto: Mario Arcadi

Wenig Lohn, mehr Freiheiten
Letzte Aufwärmübungen vor dem Auftritt. Hinter den Kulissen lagern die Künstler Taschen, Kleider und Schminkutensilien
Foto: Mario Arcadi

Leben in der Provinz
Ich erfahre, daß er seit über 20 Jahren in der Showbranche tätig und »gay« ist, wie die meisten männlichen Künstler des Kabaretts. Sein Lebenslauf ist beispielhaft für die Geschichte der Menschen aus der LGBT-Community auf der Insel. Die englische Abkürzung LGBT steht für lesbisch, schwul, bisexuell und transgender. Wegen des »Machismo«, den die spanische Kolonialherrschaft hinterlassen hat und wegen der militärischen Bedrohung, der Kuba permanent ausgesetzt war, herrschte auch nach der Revolution hauptsächlich Intoleranz und Ablehnung gegenüber diesen Minderheiten. Unter den Revolutionären galt die Ansicht, Homosexualität wäre ein Übel aus der kapitalistischen Gesellschaft. Deshalb waren Homosexuelle weder in der Partei noch in sonstigen politischen Organisationen zugelassen. Wer sich öffentlich zu seinen Neigungen bekannte, mußte mit Nachteilen rechnen und war Beschimpfungen und Diffamierungen ausgesetzt. Für schwule Männer und lesbische Frauen, die eigentlich zur Revolution standen, eine schwierige und schier auswegslose Situation. 1971 kam der »Erste Kongreß zu Bildung und Kultur« zu dem Ergebnis, daß Homosexualität eine Krankheit sei, die geheilt werden müsse. Anfang der 80er Jahre wurde der schwulenfeindliche Artikel 490, der homosexuelle Beziehungen unter Strafe stellte, dann aber entfernt, und somit stand – theoretisch – einem Verhältnis zwischen Schwulen nichts mehr im Wege, sofern sie das Erwachsenenalter erreicht hatten. In der Praxis dauerte es allerdings noch weitere 15 Jahre, bis Alea mit seinem Streifen die Wende auslöste. Deshalb »verkleidete« sich auch Juan in seiner Jugend für den Alltag und unterhielt eine Scheinbeziehung zu einer Frau. Als aber bekannt wurde, daß er ein Verhältnis zu einem Mitschüler hatte, mußte er seine Ausbildung an der technischen Berufsschule abbrechen. Da er – wie fast alle Kubaner – gerne tanzte, begann er eine professionelle Tanzausbildung an der Kunstschule in der Provinzhauptstadt. »Unter Künstlern war das Klima für ›gays‹ schon damals entspannter, zumal der Direktor der Kunstschule selbst schwul war. Er war aber lange Jahre mit einer Frau verheiratet und mußte nach außen ein Doppelleben führen. Nach der Ausbildung bewarb ich mich bei einem Casting, und so begann meine Karriere als Tänzer im Kabarett. Als in den 90er Jahren dann der Zusammenbruch der Sowjetunion den Kubanern eine schwere Wirtschaftskrise bescherte, wurden viele Stellen gestrichen, und die meisten Künstler gingen in die Berge.«

 

»In die Berge?« frage ich erstaunt, aber bevor ich Genaueres darüber erfahre, stürzen auf einen Schlag mehrere Tänzer in den Raum. Sofort ist Juan zur Stelle und hilft einem jungen Künstler aus seinem hautengen Kostüm. Auch den Tänzerinnen und Sängerinnen wird hauptsächlich von Männern beim Schminken und Ankleiden geholfen. Denn hinter den Kulissen, in der Maske und Garderobe, arbeiten vier Männer und nur zwei Frauen. Dabei kümmern sich die beiden Frauen hauptsächlich um die Kostüme und Accessoires. Plötzlich sind alle wieder draußen auf der Bühne, und ich frage noch einmal nach der Geschichte mit den Künstlern, die in die Berge gingen. »In dieser Zeit entstand der sogenannte ›Plan Montaña‹. Künstler aus verschiedenen Richtungen wurden zu Brigaden zusammengefaßt, die dann in die Berge, in weit abgelegene Dörfer fuhren und dort an Schulen oder auch im Freien Tanz, Theater und Musikveranstaltungen für die Landbevölkerung aufführten«, klärt mich Juan auf. »Natürlich wußten auch die Bauern, daß ein Großteil der männlichen Brigadeteilnehmer schwul war. Interessanterweise hatten sie damit aber wesentlich weniger Probleme als die Stadtbevölkerung. Es war eine schöne Zeit, wir waren ständig unterwegs, und obwohl die Bezahlung wegen der Spezialperiode knapp war, stellten diese Brigaden gerade für uns schwule Künstler einen Freiraum dar; wir bekamen für unsere Arbeit in den abgelegenen Gebieten viel Anerkennung und Applaus. Ja, und dann – 1994 – kam der Film!« Seitdem werde im Radio, Fernsehen sowie mit Plakaten und Aufklärungsveranstaltungen an Schulen zu Toleranz und Respekt gegenüber den LGBT aufgerufen. Ein Großteil dieser Veranstaltungen wird vom Nationalen Zentrum für Sexualerziehung CENESEX (Centro Nacional de Educación Sexual) entwickelt, deren Direktorin Mariela Castro Espín sich für die Rechte der LGBT in der kubanischen Gesellschaft einsetzt.
Wer im Glashaus sitzt…

Gerade in deutschen Reportagen über Kuba liest man immer wieder über Arbeitslager, die nach der Revolution auf der Insel für Homosexuelle eingerichtet wurden. Nach kurzer Recherche im Internet bekomme ich eine Gänsehaut. Laut einiger Berichte wurden Homosexuelle »gejagt, verhaftet und viele kamen in den Arbeitslagern zu Tode«. Die Autoren können aber – wie so oft, wenn es um Kuba geht – keine Quellen oder Namen für ihre fürchterlichen Behauptungen nennen. Auch Zeitschriften von Schwulenvereinigungen sind an der Hetzjagd gegen Kuba beteiligt. Das beweist einmal mehr, daß, wer lieber mit dem gleichen Geschlecht ins Bett geht, nicht unbedingt eine fortschrittliche Weltanschauung besitzen muß. Ich frage Juan nach den Arbeitslagern und den Vorwürfen. Er schüttelt nur den Kopf und erklärt mir, daß es sich bei den Lagern um einen Ersatzdienst für die Wehrpflicht – meist in der Landwirtschaft – handelte, da Schwule oder auch Männer mit bestimmten religiösen Weltanschauungen – Zeugen Jehovas etwa – nicht am Militärdienst teilnehmen konnten. Und wenn man vor dessen Abschaffung wegen des Artikels 490 angeklagt wurde, dann konnte man zu einem Arbeitseinsatz in diesen sogenannten »Militärischen Einheiten zur Unterstützung ziviler Produktion« (Unidades Militares de Ayuda a la Producción/UMAP) verdonnert werden. Eine generelle Einweisung gab es aber genausowenig wie die heraufbeschworenen Toten. Wie es in Deutschland mit dem Militärdienst sei, will er dann von mir wissen. Ich antworte ihm, daß Schwule aktuell durchaus zum Wehrdienst könnten, aber früher auch beim deutschen Militär nicht eingezogen wurden und Ersatzdienst in sozialen Einrichtungen leisten mußten. »Also könnte man behaupten, in Deutschland wurden Schwule zu Zwangsarbeit verdonnert?« fragt er mich unschuldig grinsend.

Traumjob im Tropicana
Seit den Veränderungen, die in der kubanischen Wirtschaft eingeleitet worden sind, und da der Kulturbetrieb auf Kuba besonders gefördert wird, hat sich auch die wirtschaftliche Situation der Künstler verbessert. So arbeitet Juan an drei Abenden in der Woche, jeweils von 21 Uhr bis Mitternacht und verdient dabei soviel, wie er aktuell als Metallarbeiter in der Produktion bei 40 Stunden Arbeitszeit in der Woche verdienen würde. Als freischaffender Künstler kann er auch noch weitere Verträge, etwa mit Hotels, abschließen und so sein Einkommen erhöhen. Da viele Schwule im Kulturbereich tätig sind, zählen sie also zu den besser verdienenden Kubanern. Was er sich für die Zukunft wünscht, will ich noch wissen und erfahre, daß er, wie alle Künstler aus dem Showbereich, davon träumt, im »Tropicana« engagiert zu werden, dem weltberühmten Kabarett in Havanna. Und verreisen, in einem anderen Land arbeiten, das würde ihn auch noch reizen.

»Das liegt im Augenblick näher als die Stelle im Tropicana«, sagt er mir zum Abschluß, denn für Venezuela werden Künstler gesucht, die in den Vierteln Kulturarbeit leisten sollen. »Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, hätte ich mich sofort gemeldet.« Ob er – gerade früher – daran gedacht habe, Kuba ganz zu verlassen? »Nein, nie! Und heute schon gar nicht, vielmehr freue ich mich, wenn ich sehe, wie die jungen Kollegen als Schwule leben können. Was für ein Unterschied zu meiner Jugend! Das Verstecken ist nicht mehr nötig, und das Leben hinter den Kulissen ist vorbei. Heute können wir unsere Neigungen und Beziehungen offen leben und müssen keine Angst vor Diffamierungen haben. Ich denke, Kuba ist auf dem richtigen Weg zu einer humaneren Gesellschaft.«

Als mich Juan dann noch einlädt, den Rest der Show anzusehen und wir uns ins Publikum setzen, sehe ich außer Heteropaaren geschminkte Männer in schicken Frauenkleidern, schwule Paare, die begeistert ihren Lieblingssänger feiern und Frauen, die eng miteinander tanzen. Im Gegensatz zu andern Ländern, wo es sogenannte Schwulenbars und Kneipen nur für Lesben gibt, setzen die Kubaner heute auf Integration und auf die Werte, die für diese Vielfalt in der Gesellschaft notwendig sind.

 

 

 

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