Getrübte Partystimmung

Zerstrittene Community: AIDS-Hilfe tritt aus Berliner CSD e.V. aus © Junge Welt

Zerstrittene Community: AIDS-Hilfe tritt aus Berliner CSD e.V. aus © Junge Welt

Am 21. Juni findet in Berlin der diesjährige Christopher-Street-Day (CSD) statt. Ursprünglicher Anlaß für die jährlichen Paraden war das Aufbegehren sexueller Minderheiten 1969 in der New Yorker Christopher Street. Gäste der dort gelegenen Bar »Stonewall Inn« setzten sich am 28. Juni vor 45 Jahren erstmals militant gegen eine Serie brutaler Polizeiübergriffe und Razzien zur Wehr. Die heutigen Paraden haben indes mit politischem Kampf nicht mehr viel gemein. Obwohl die Veranstalter in allen deutschen Großstädten bei ihren Umzügen hohe Einnahmen aus Werbung erwirtschaften, melden sie sie noch immer als Demonstrationen an. Dies hat für sie den Vorteil, für die zur Verfügung gestellten Flächen und die Straßenreinigung keinerlei Kosten übernehmen zu müssen. Anderen kommerziellen Umzügen wie der Love Parade dagegen ist in der Vergangenheit bereits der Demonstrationscharakter abgesprochen worden. Die Macher mußten fortan für die von ihnen versuchten Kosten selbst aufkommen.

Da der Veranstalter des Berliner Umzuges, der CSD e.V., offenbar noch mehr Umsatz erzielen möchte, will er nun gar die traditionelle Bezeichnung aufgeben und seinen Aufzug in »Stonewall Parade« umbenennen. Die Markenrechte hat er sich bereits gesichert, womit gewährleistet ist, daß sämtliche Lizenzgebühren in die Vereinskasse fließen. Angeblich, so Geschäftsführer Robert Kastl im Tagesspiegel, dient die Umbenennung dem Ziel, »politische Inhalte« wieder »stärker in den Vordergrund« zu stellen.

Das Vorgehen der CSD-Macher hat zu heftigen Auseinandersetzungen in der schwul-lesbischen Szene geführt. So kündigte mit der Berliner AIDS-Hilfe vor wenigen Tagen eine der größten Selbsthilfeorganisationen der Stadt ihren Austritt aus dem CSD e.V. an. Man könne nicht Mitglied in einem Verein bleiben, dessen Führung u. a. »queerpolitischen VertreterInnen von Fraktionen des Abgeordnetenhauses sowie einem Kuratoriumsmitglied der Berliner AIDS-Hilfe e.V. auf einer Pressekonferenz unbegründet und reißerisch homophobe Absichten im Umgang mit dem CSD« unterstellt und Kritiker »bildlich wie Verbrecher« darstelle, begründete die Organisation ihren Schritt. Kritik kam auch vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD). »Der CSD war stets eine gemeinsame Plattform für die politischen Anliegen. Eine Umbenennung ohne qualitativen Mehrwert und ohne daß sich die Basis damit identifiziert, macht keinen Sinn«, heißt es in einer in dieser Woche veröffentlichten Erklärung des LSVD. Außerdem sei die Eintragung des Begriffs »Stonewall« beim Patent- und Markenamt als privates Eigentum einer Organisation nicht kompatibel mit dem politischen Anspruch. (Eine Aussage die viele auch gerade wir von DKP queer dem sonst eher rechtslastigen LSVD Berlin-Brandenburg kaum zugetraut hätten.)

Inzwischen planen mehrere Vereine, darunter diejenigen, die sich vom CSD e.V. distanziert haben, eine alternative Parade. Rückendeckung für das Treiben der bisherigen Organisatoren kam hingegen (wie zu erwarten: „Anmerkung der Redaktion“) von Vertretern der (Berliner) Linkspartei.

Von Markus Bernhardt in Junge Welt vom 19.04.2014

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One comment on “Getrübte Partystimmung
  1. Mittlerweile haben die Grünen Ihre Teilnahme am CSD ebenfalls abgesagt:
    http://gruene-berlin.de/csd/gr%C3%BCne-sagen-teilnahme-am-berliner-csd-ab

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