HISTORIE AUS ERSTER HAND 

gab es am Mittwoch, 25. November 2015 im Rosa-Luxemburg-Saal des Karl-Liebknecht-Hauses in Berlins Mitte:

ddrunter dem Veranstaltungstitel „Geschichte mit Happy End: Die DDR, die Homosexualität und das Ministerium für Staatssicherheit“ hatte die Peter-Hacks-Gesellschaft zur Diskussion eingeladen, deren Vorsitzender Dr. Matthias Oehme die Anwesenden begrüßte.

Der einstige Oberstleutnant, Wolfgang Schmidt, erläuterte im Gespräch mit Olaf Brühl die Rolle des MfS (Ministerium für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik) und speziell der Hauptabteilung XX in der Beschäftigung mit den Lesben- und Schwulegruppen der DDR, speziell in den Achtziger Jahren. – Olaf Brühl hatte sich seit Mitte jener Achtziger Jahre in eben jener Szenerie engagiert. 

(siehe: www.olafbruehl.de/chronik.htm). – Den Abend besuchten 22 Männer und 1 Frau.

Obwohl der Berliner Journalist Eike Stedefeldt 1994 ein damals einiges Aufsehen erregendes Interview für „konkret” mit Wolfgang Schmidt geführt hatte (des Öfteren nachgedruckt, siehe auch: http://www.mfs-insider.de/Abhandlungen/Homo004.htm) verstummen dennoch Jene nicht, die, entsprechendes BRD-Unrecht ausblendend, unhistorisch eine „Verfolgung“ von Homosexuellen in der DDR herbei reden wollen.

Indessen hatte die Deutsche Demokratische Republik eine in dieser Hinsicht seit 1968 weltweit avantgardistische Gesetzgebung und arbeitsrechtliche Sicherheit vorzuweisen (und bereits seit 1959 eine dem vorausgehende aufgeklärt-fortschrittliche Praxis: wie Brühl die Statistik zitierte, entsprach in der DDR die Verurteilungsziffer für das Jahrzehnt – ! – etwa der Verurteilungsziffer in der ehemaligen BRD pro Jahr – ! -).

Die Modernisierung dieses Gesetzes 1988 musste sogar von der BRD-Justiz 1994 (zumindest zeitweise) nach fünf Jahren geographisch geregelter Differenz und langen Auseinandersetzungen übernommen werden – gegen vielseitig erbitterten politischen und ideologischen Widerstand.

Wolfgang Schmidt ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein kritischer „Zeitzeuge“, sondern selbst zentraler Protagonist des Geschehens: er war verantwortlich für Analyse und Information in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung XX, bei ihm liefen die Informationen zu der sich Anfang der 80er Jahre neu formierenden Lesben- und Schwulenszene zusammen.

Dadurch befähigt, nahm er infolge dieser maßgeblich Einfluss auf die Homosexuellenpolitik der DDR. Er berichtete, wie die seit gesetzlicher Abschaffung der Strafbarkeit von Homosexualität ausgebliebene öffentliche Diskussion der anstehenden Fragen und Bedürfnisse nicht nur zu sozialen Missständen und zur Unzufriedenheit der betroffenen Bevölkerungsteile führten, sondern zu einer auffallenden Häufung unter den Zahlen z.B. der Ausreisewünsche  (aber auch in den Selbstmordstatistiken gab es Hinweise!). Die verschiedenen Ebenen und Zuständigen staatlicherseits reagierten homophob,  zu oft inkompetent oder völlig ignorant gegenüber an sie gerichtete Fragen, Anträge und Herausforderungen. Zweifellos Ausdruck kleinbürgerlicher Vorbehalte und Vorurteile, nicht aber einer sozialistischen Gesellschaft angemessen. Nur in einer Kirchenzeitung konnte Brühl Anfang 1985 eine Artikelserie veröffentlichen, die Homosexualität positiv darstellte, nicht um „Toleranz“ bettelte, sondern mit Benennung von Homophobie die Ideologie der „Heterosexualität“ infrage stellte. Solche Texte wurden selbstverständlich auch von den Gemeinden und ihren Oberen nicht gerade nur mit Jubel begrüßt, von staatlichen Medien blieben sie ignoriert. Gegenüber solchen Themen blockten FDJ (oder FDGB) völlig, und just mit Rechtfertigung durch die moderne Gesetzeslage und Jugendpolitik!

Kritik und Aufbegehren hatten logischerweise seit Mitte der Siebziger Jahre eklatant zugenommen – und suchten Zuflucht für Austausch und Diskussion ausgerechnet in evangelischen Räumen, die nur allzu bereit waren, den mit der DDR-Gesellschaft Hadernden ein Forum zu schenken. Und gerade diesen Skandal innerhalb einer sozialistischen Gesellschaft fand Oberstleutnant Wolfgang Schmidt (immerhin bereits über ein Jahrzehnt nach der Gesetzesänderung!) so unerträglich, weil da ja Menschen um Fragen zur Homophobie und Homosexualität zu diskutieren, Veranstaltungen durchzuführen und ihre Schicksale zur Sprache zu bringen, keinen Ort etwa bei den Kommunisten fanden, in deren Tradition doch der Kampf für Emanzipation und Abschaffung des § 175 stand und steht, – sondern ausgerechnet unter das Dach der Kirchen flüchteten, zumal der protestantischen, die nicht nur Quell und Träger der Diskriminierung deviater Sexualitäten waren, sondern in den Achtzigern eben auch Brennpunkte staatsfeindlicher Organisation. Und erst aufgrund dieser Annäherung kam der Stoff überhaupt in den Beobachtungsbereich des MfS und auf seinen Schreibtisch.

Heutzutage geht es nicht zuletzt darum, insofern die gegenteiligen Legenden und Hetzkampagnen anhand der Tatsachen zu widerlegen. Es gab z.B. keine „Rosa Listen“, wie in der ehemaligen BRD oder bei den Nazis. Homosexualität an und für sich war kein Problempunkt, im Gegenteil, in weiten Bereichen ging man achselzuckend darüber hinweg und diese Gleichgültigkeit oder althergebrachte Angst, vielmehr: Verdrängung war das (geleugnete) Problem. Die Zusammenkünfte von Schwulen und Lesben wurden auf ihre Staatsfeindlichkeit anhaltend überprüft. Aber dieses führte allerdings nicht zu Bedenken, die seitens des Geheimdienstes Relevanz gehabt hätten. Auch wurden nie strafrechtliche Maßnahmen in solchem Zusammenhang eingeleitet. Ganz im Gegenteil – und darum ging es zentral an dem Abend.

Schmidt verfasste aufgrund seiner Bestandsaufnahme, zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Thema konfrontiert, einen Katalog von Missständen und der Forderungen von Homosexuellengruppen – zur Abhilfe der Missstände (Veranstaltungsmöglichkeiten, Annoncen, offene Diskussion, mediale Präsenz, Sicherung der Würde im Suchen nach Kontakten, usw.), die er positiv zu entsprechen empfahl. Dieses Gutachten wurde der Regierung vorgelegt und vom ZK gut geheißen. Daraufhin gab es nicht nur eine Öffnung der FDJ für die Thematik (auch deren Leiter, Eberhard Aurich war in der Sache aktiv geworden), sondern es kam zur Änderung der letzten Spur von Diskriminierung im Gesetzestext, d.h. jene, in der ein Unterschied der Schutzaltergrenze von 16 (bei heterosexueller Verführung) und 18 Jahren (bei homosexueller Verführung) galt, und der entsprechend differenzierende Paragraph wurde ersatzlos gestrichen. In dem Papier, das eine Interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Humboldt-Universität der Justiz hierzu vorlegte, hieß es u.A., und Brühl zitierte den Wortlaut:

Die Verabsolutierung der Heterosexualität bei der Mehrheit hat die Verabsolutierung der Homosexualität bei einer Minderheit zur Folge. Konzeptionen, die allein auf Integration einer besonderen Minderheit in die Gesellschaft zielen, sind deshalb perspektivisch nicht tragfähig. Gesellschaftlich geht es primär um die Integration der Homosexualität in die menschliche Sexualität überhaupt. Dabei ist die soziale Integration der Homosexuellen ein Teilaspekt. Die vollständige Integration der Homosexualität in die menschliche Sexualität, die Aufhebung der Polarisierung der Sexualitätsformen, ist die Aufhebung der Homosexuellen als besonderer ‘anders gearteter’ Menschengruppe.”

In der Diskussion fiel erneut auf, wie Vorurteile und Voreingenommenheit, blinder DDR-Hass und insbesondere der auf das MfS, sachliche Fragestellungen und Erörterungen schier unmöglich machen. Ein damals bekannter schwuler Schauspieler unterstellte dem MfS „Rosa Listen“ geführt zu haben, weil die Kriminalpolizei bei ihm nachfragte, als ein Nachbar in seinem Haus, ein schwuler Tänzer des „Friedrichstadt-Palastes“ , ermordet worden war: Woher hätten die das gewusst? Nun, er war ein alter Bekannter: woher wohl hatte ich es gewusst, als ich ihm einst in der gemischten Sauna in der Berliner Gartenstraße begegnete? Das MfS brauchte man dazu im Dorf DDR nicht, Klatsch genügte. Homosexualität war ja kein Staatsgeheimnis. Brühl wies nicht nur auf genügend TV-Krimis hin, die diese Sorge hinfällig machen könnten, sondern vor allem darauf, dass, wie Schmidt erklärt und begründet hatte, solcherart Karteien nie existierten, wozu auch, und wenn sie existiert hätten, doch wohl zumindest der winzigste Schnipsel davon sofort ein „BILD“-Titelbild abgegeben hätte. Schmidt erläuterte noch einmal die Arbeitsweise von Mordkommissionen und dass die verschiedenen Organisationen ja getrennt agier(t)en (was normal, üblich  und bekannt ist).

Besonders ärgerlich und destruktiv wirkten Einwürfe des einstigen Aktivisten der „Homosexuellen Initiative Berlin“ und eines prägenden Mitarbeiters des späteren „Sonntag-Klubs“ (welchen übrigens Olaf Brühl selbst mit initiiert hatte und der so 1986 ein Domizil in einem FDJ-Klub in Berlin-Mitte fand). Dem ehemaligen Aktivisten fiel nicht auf, dass sein berechtigter Frust über die jahrelange Ablehnung und Verhinderung seitens maßgeblicher Stellen in der DDR nicht Ursache im Wirken des (antifaschistischen!) MfS hatten und dass der von ihm angegriffene (und z.T. persönlich beleidigte) Wolfgang Schmidt ja im Gegenteil, von dem Augenblick an, als einschlägige Fragen in seinen Befugnisbereich gerieten, alles tat, um abzuhelfen – und zwar erfolgreich. Es schien die offenkundige Darstellung nichts zu nutzen: obwohl gerade erst dieses Aktivwerden des MfS eine positive Wende auf der Öffentlichkeitsebene zu Fragen der Homosexualität in der DDR bewirkte, kam aus dem Publikum als Fazit, wenn man aus der DDR etwas zu lernen habe, dann: keine Belange in die Hände von Geheimdiensten zu geben (mitten in Berlin, 2015, nach fast 100 NSU-Morden, von denen etwa 10 öffentlich wurden und noch immer nicht aufgeklärt sind! Mitten in einem Europa, das seit 1990 von dem internationalen Treiben der Nicht-DDR-Geheimdienste in Massenarbeitslosigkeit, Flüchtlingskatastrophen und Kriege gerissen wird). Und solcher Allotria und Absurditäten mehrere.

 Andere saßen noch immer der West-Legende auf, dass die ehemalige BRD mit West-Berlin identisch gewesen sei und dass es da ja zum größten Glücke „freie Gruppen“ und Etablissements und Zeitschriften usw. gegeben habe. Dass dies so in dem Maße auch in der ehemaligen BRD nicht nur nicht propagiert wurde, sondern man deshalb ins West-Berlin floh, vielleicht durchaus als Verfolgter, z.B. aus Bayern, daß es sich bei all den „Annehmlichkeiten“ um gettoisierte Privatunternehmungen handelte, um Kommerz, auch Prostitutionsszene, ein höchst skandalumwittertes, „anrüchiges“ und staatlich kontrolliertes „Milieu“ (mit Rosa Listen und mit REPs, NPDs usw.), blieb leger außer Acht. Es ging ja gegen die DDR und es wurde eingeklagt, dass das, was sie alles „zu spät“ erreicht habe in diesen Dingen, bereits hätte 1949 (!) tun sollen. Hier war die rationale Ebene der Diskussion endgültig verlassen und es gelang einem damaligen „Instrukteur für Jugendpolitik“ des riesigen, ca. 80 Betriebe umfassenden VEB Möbelkombinat Berlin nicht mehr, dem keifend-verbitternden Aktivisten zu vermitteln, dass sein Generaldirektor nicht nur Homosexuelle als „Ganze Menschen“ thematisierte (entsprechend eines Ethik-Buchtitels von Alfred Kurella), sondern sie dort auch Unterstützung zur Gestaltung ihrer Freizeitinteressen erhielten: zu Anfang der Achtziger Jahre. Der Jugendförderungsplan des Kombinats enthielt Aktivitäten von homosexuellen Jugendlichen und Veranstaltungen zu homosexuellen Inhalten. Das war nicht unmöglich – und trotz Homophobie bei anderen „Kadern“ der Betriebsleitung oder mancher Mitarbeiter und Genossen (so wie heute).

 In der DDR ging es allerdings nicht um ein Getto, sondern um eine gesamtgesellschaftliche und sozialistische Dimension, in deren Belang noch ganz andere Probleme zu lösen waren, nicht zuletzt der Erhalt der sozialen, medizinischen und politischen Standards: die Frage des Besitzes und des Friedens etwa – und zwar alles das eingekeilt zwischen den Supermächten und in einer veritablen Bedrohungs- und Belagerungssituation (wie die Geschichte es erwies).

 Dabei wäre gerade in unserer Gesellschaft, in der die Gleichberechtigung der Geschlechter verwirklicht wird, eine öffentliche Verständigung über die Entwicklung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften von allgemeinem Interesse, denn hier leben zwei Individuen miteinander die insofern real gleich sind, als beide männlich bzw. beide weiblich sozialisiert wurden und Rollenverteilungen zwischen ihnen in keiner Weise mehr ‘von selbst’ klappen.“(Bert Thinius, Jena 1986).

Dass auch von einem „SpiegelTV“-Regisseur im Publikum nicht gerade ein Verständnis für das Warum der besprochenen Schieflagen und deren Behebung zu erwarten ist, überrascht hingegen weniger, auch nicht, dass diese Frage des Warum da gar nicht erst gestellt wird. Der Fokus ist auf eng gestellt, wenn nicht vom Vorurteil, dann doch durch die politisch-ideologischer Manipulation. Überraschen könnte nur die Blindheit, mit der von Anderen, aus der DDR Kommenden, die die Unterschiede noch schärfer nun sehen können sollten, über ein Vierteljahrhundert lang all diese (oft verständliche Frustration) völlig unhistorisch und ignorant gegenüber den Fakten und geschichtlichen Komplexen weiter geschleppt wird, zum Gegen-Argument summiert – und das inmitten einer politischen Situation, in der von zeitgemäßer Emanzipation der Sexualitäten, von Befreiung gar und gesamtgesellschaftlichen Diskursen inmitten von Gettoisierung, Religionsansturm und Kommerzialisierung nicht nur kaum noch zu träumen ist, sondern dieser Ausbeutungs-Staat mit fliegenden Fahnen eine neue Sklaverei etabliert, somit die Masse der sozialen Verlierer dieser Gesellschaft kaum auf Solidarität, geschweige nur Chancengleichheit hoffen darf, sondern das ganze System in einen neuen Krieg rast, trotz moderner Netzwerke und Informationstechnologie.

Just an diesem Mittwoch brachte das TV auch wieder eine Reportage:

Aus: Ausgabe „Junge Welt“ vom 27.11.2015, Seite 14 / Feuilleton

Nachschlag: Dem Druck standhalten

Westagenten für die Stasi | Mi., 21.45, ARD

Als 1989 die Mauer fiel, spähten rund 3.000 Agenten für die DDR in der BRD. Die für eine am Mittwoch ausgestrahlte ARD-Reportage Befragten zogen je ein unterschiedliches Fazit: Jürgen-Bernd Runge lavierte zwischen Reue und »aber«: Es sei ihm nicht bewusst gewesen, sich für »ein totalitäres Regime« eingesetzt zu haben. Eigene »unheimlich solidarische« DDR-Erlebnisse hätten jedoch die westliche Propaganda teils ad absurdum geführt. Schließlich widersprach Runge dem Referenten der Stasi-Unterlagenbehörde, Helmut Müller-Enbergs, der vor allem über das Los jedes Geheimagenten – »Schweigestress im Doppelleben« – psychologisierte: Keineswegs sei sein Ausstieg 1983 »so schwer wie bei der Kirche« gewesen. Lediglich der heutige jW-Redakteur und Journalist Peter Wolter hielt dem politischen Rechtfertigungsdruck stand. Als Kommunist habe er in Zeiten des »Kalten Krieges« dem Frieden gedient, so Wolter. Durchaus mit Erfolg: Damals ging von deutschem Boden kein Krieg aus. (sbo)

https://www.jungewelt.de/2015/11-27/055.php

Wir danken unserem Gastautor Uwe Toltz sehr herzlich! 

 

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