Im Meistern von Drahtseilakten haben wir Kommunisten Übung!

uzGespräch mit Thomas Knecht, Mitglied der Kollektiven Leitung von DKP queer. Veröffentlicht in der „Unsere Zeit“ (UZ) – der Wochenzeitung der DKP vom 23. Mai 2014

DKP queer macht sich für die bedingungslose Gleichstellung von Lesben, Schwulen und Transexuellen stark und übt Kritik an homosexuellenfeindlicher Gesetzgebung und Hetze, aber auch an antirussischer Stimmungsmache.

UZ: DKP-Queer hat am 17. Mai, dem internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie, einen Aktionstag in Frankfurt durchgeführt. Mit welchen politischen Schwerpunkten?

Thomas Knecht: Wir haben uns besonders dem Anwachsen homophober und transphober Tendenzen in der Gesellschaft gewidmet, das einhergeht mit dem Erstarken reaktionärer und faschistischer Gruppierungen und Parteien in EU-Europa, Europa insgesammt und insbesondere auch der BRD. Gerade im Hinblick auf die Wahlen zum EU-Parlament ist damit zu rechnen, dass reaktionäre und neofaschistische Gruppen vermehrt und in größerer Anzahl Einzug halten werden. Wenn wir auch sonst wenig Hoffnung auf die EU-Gesetzgebung gesetzt hatten – denn schließlich bestanden ja über die sogenannten opt-outs genügend Möglichkeiten für reaktionäre Regierunen innerhalb der EU, späreliche rechtliche Zugeständnisse unbeachtet zu lassen – so könnte ein rechtslastigeres EU-Parlament leicht dazu führen, nicht nur diese kümmerlichen Rechte gänzlich wieder abzuschaffen, sondern auch per Gesetzesgebung das Rad der Geschichte noch weiter zurückzudrehen und wenn nicht gar der Verfolgung so doch zumindest der gesellschaftlichen Stigmatisierung Vorschub zu leisten. Wie man leicht dort beobachten kann, wo bereits Faschisten in Regierungsverantwortung oder auch nur in Parlamenten vertreten sind, siehe: Ukraine, Griechenland, Ungarn etc..

UZ: Auch in der Lesben und Schwulenszene kommt es – angefacht von den Auseinandersetzungen um die sogenannte Ukraine-Krise – verstärkt zu antirussischen Reflexen. Wie wollt ihr den Drahtseilakt meistern, die homosexuellenfeindliche Gesetzgebung in Russland zu kritisieren und gleichzeitig antirussische Stimmungsmache zurückzudrängen?

Thomas Knecht ist Mitglied der kollektiven Leitung von DKP queer

Thomas Knecht ist Mitglied der kollektiven Leitung von DKP queer

Thomas Knecht: Im Meistern von Drahtseilakten haben wir Kommunisten Übung. Es gab oder gibt bei einigen Bruderparteien ebenfalls überholte aus dem Bürgertum übernommene Vorbehalte gegenüber des als Norm empfundenen Liebeslebens. Wir begleiten das kritisch-solidarisch und suchen den Dialog. Alles in allem haben wir da auch den Vorteil der besseren Argumente, die uns die Klassiker der Arbeiterbewegung liefern. Der Russland-Hetze werden wir begegnen, wie wir seinerzeit der Islamhetze begegnet sind. Wir ordnen die in Russland nach der Auflösung der UdSSR erstarkte Homo- und Transphobie in den gesellschaftlichen Kontext ein. Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass mit wachsendem Machtpotential der christlichen Kirchen in Osteuropa auch deren Moralvorstellungen deutlicher gesellschaftlich hervorstachen und dazu gehört nun einmal auch eine strenge Ablehnung außerehelichen Geschlechtverkehrs und jeglicher Form von Beziehung, die über Mann und Frau hinausgeht. Es ist aber bei weitem nicht so, dass dies nur Russland betrifft, Polen hat sich unter der PIS-Regierung dort auch kein Ruhmesblatt verdient aber davon hat außer uns und den wenigen linken Medien natürlich keiner berichtet. Daher ist die Russlandhetze der Kapitalmedien äußerst durchschaubar. Es geht ihnen nicht um Rechte in Bezug auf Geschlecht oder Lebens- und Liebensweisen sondern um nichts anderes als Stimmungsmache um Kriegshetze betreiben zu können. Etwas, was aus dem Ruder gelaufen ist, war beispielsweise die Vereinnahmung der Gewinnerin des Eurovision Song Contest, Conchita Wurst, in den Medien, die sich gegen eine Vereinnahmung durch antirussische Kräfte verwahrt hatte.

UZ: Steht ihr mit dieser differenzierten Meinung denn nicht relativ alleine da, schließlich existiert in der Bundesrepublik keine organisierte linke Lesben- und Schwulenbewegung mehr?

Thomas Knecht: Wir setzen uns für die Wiederbelebung einer linken Queer-Bewegung ein. Mit der Meinung stehen wir allerding nicht alleine da, da sie von einigen kleineren linken Gruppierungen geteilt wird.

UZ: Und ihr fürchtet nicht, dass die bürgerliche Lesben- und Schwulenbewegung, die anstehenden Paraden anlässlich des Christopher Street Days (CSD) erneut wortgewaltig zur Hetze gegen Russland missbrauchen wird?

Thomas Knecht: Doch, davon ist leider auszugehen, vor allem solange der rechtslastige „Lesben- und Schwulenverband in Deutschland“ (LSVD) und bündnisgrüne Kriegstreiber, allen voran Volker Beck, immer noch in der Community etwas zu sagen haben.

UZ: Wie ist euer Verhältnis zur Linkspartei, deren Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Queer in der Vergangenheit an vorderster Front Stimmungsmache gegen Russland betrieb?

Thomas Knecht: Wir haben ein ambivalentes Verhältnis zur BAG queer, da es dort auch andere Stimmen gibt. Im Allgemeinen lehnen wir die Positionierung der BAG queer zum Russland-Bashing, wie bei allen anderen Parteien auch, ab. Gerade bei den kommenden CSDs werden wir sehen, welche Diskussionen mit der BAG queer sich dazu ergeben werden.

UZ: Der CSD ist vielerorts zu einem unpolitischen Werbe-Event verkommen, der mit dem Kampf um Gleichstellung aller Lebensformen kaum mehr etwas gemein hat. Wird DKP-queer bei den CSD’s nicht als eine Art dem Tode geweihter politischer Dinosaurier belächelt?

Thomas Knecht: Wird das die Partei nicht generell, wenn sie Stände betreibt? Wie oft hört man: „Was?! Euch gibts noch?!“. Aber mal im Ernst: Natürlich sind die meisten CSDs zu einem „Karneval im Sommer“ verkommen aber dies ist nicht überall der Fall. Man kan den CSD Köln oder Berlin nicht mit den CSDs in Siegen, Iserlohn, Augsburg oder auch Frankfurt a.M. vergleichen. Dort wird noch auf die Tradition des CSDs eingegangen und es werden politischen Inhalte verbreitet.

UZ: Ihr seht also durchaus noch Chancen, den CSD zu repolitisieren?

Thomas Knecht: Diese Chance sehe ich absolut. Natürlich wird es schwer werden. Es ist nicht einfach, festgefahrene Argumente zu lösen, festgfahrene Strukturen fortschrittlich aufzubrechen, solange im Besonderen der LSVD als „Hegemonialmacht“ über allem schwebt. Wir versuchen dies nun bald zehn Jahre, und es zeigen sich kleine Erfolge, wie u.a. in Siegen, Iserlohn und Augsburg.

UZ: In ganz Europa erlangen Feinde der Gleichstellung aller Lebensformen einen Aufschwung. So gingen nicht nur in Frankreich zehntausende christliche Fundamentalisten und Rechte auf die Straße um gegen Lesben und Schwule mobil zu machen. Auch in der Bundesrepublik kommt es verstärkt – wie etwa in den vergangenen Monaten in Stuttgart – zu Aufmärschen der Ewiggestrigen. Wie wollt ihr diese gefährliche Entwicklung aufhalten?

Thomas Knecht: Im Moment können wir immer nur wieder auf diese Gefahren aufmerksam machen, bei den Aktionen dabeisein, wie u.a. in Stuttgart oder aber auch, wie am 17. Mai, in Nürnberg und Trier, wo es Aktionen gegen Homo- und Transphobie und Neofaschismus gegeben hat. Es ist auch unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass diese Tendenzen nicht aus dem gesellschaftlichen Fokus gelangen.

UZ: Und doch wirkt es, als würde sich die Mehrheit der Lesben und Schwulen nicht für diese Gefahr interessieren und im Rahmen ihrer bestenfals karnevalesken Paraden ihren eigenen Untergang zelebrieren…

Thomas Knecht: Leider stimmt das. Es kam ja nun schon mal vor, dass es von neofaschistischer Seite aus Demonstrationen gegen CSDs gab, wo sich die Community nicht an den Gegendemonstrationen beteiligte und es der Antifa und anderen fortschrittlichen Kräften überließ, die Neofaschisten zu blockieren. Unsere Kräfte als DKP queer sind leider noch nicht stark genug um mehr zu tun als aufzuklären, zuzuarbeiten und uns an Aktionen gegen Neofaschisten und andere rechte Gegner der Gleichstellung aller Lebensformen zu beteiligen. Dass wir aber über die Gefahr von Rechts aufklären, zeigt sich z.B. an unserer regelmäßigen Publikation, wie „red&queer“ (Nr.28), die den Schwerpunkt „Neofaschismus/schwule Nazis“ hatte.

Das Gespräch führte Markus Bernhardt

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