Intersex-Diskussion abgeblockt – Aktivist_innen empört über Ignoranz des Uni-Senats

Auf der Sitzung am Mittwoch, dem 14. November 2012, behandelte der Senat der Universität Frankfurt am Main einen Antrag zum Thema Intersexualität und ihre Behandlung an der Hochschule und ihren Kliniken – oder viel mehr: Er entzog sich der Verhandlung.

Studentische Vertreter_innen hatten die Einrichtung einer Kommission beantragt, darüber hinaus die Aufarbeitung kosmetischer Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen mit „atypischen“ Geschlechtsmerkmalen und die Infragestellung solcher Praktiken an der Goethe-Universität.

Auf der Sitzung wurde sich der inhaltlichen Behandlung des Themas mit Verweis auf Abwesenheit von Experten verweigert. Jedoch waren Betroffene extra eingeladen worden und angereist, um ihre Expertise zur Verfügung stellen zu können. „Aber wir wurden gar nicht erst angehört. Dabei sprachen wir schon auf Einladung vor dem Deutschen Ethikrat, UN-Ausschüssen und erst letzte Woche vor der Schweizer Ethikkommission“, moniert Daniela Truffer von Zwischengeschlecht.org.

Unmittelbar für entsprechende Eingriffe zuständige Personen waren im Vorfeld der Sitzung über die Behandlung des Antrages in Kenntnis gesetzt. Doch zuständige Vertreter_innen aus dem Fachbereich Medizin blieben fern. Ein Senator aus der Medizin verwies bloß vage auf Einwände seitens der Kinderchirurgie der Uniklinik. Offengelegt wurde deren Positionen allerdings nicht. Auch eine schriftliche Anfrage von Medizin-Studierenden an ihren Fachbereich ist nach mehr als einem Monat noch immer nicht inhaltlich beantwortet worden. Auch dieser Hinweis stieß auf taube Ohren. Selbst die Einrichtung einer Kommission als einem Diskussionsforum wurde nicht entsprochen.

„Eine Universität, welche sich Diversity Policies mittlerweile groß auf die Fahnen schreibt, darf Intersexualität nicht als eine Fachangelegenheit der Medizin oder – so klang es mitunter an – eine Angelegenheit von nachrangiger ethischer Bedeutung abtun. Selbst der deutsche Ethikrat und auch der Bundestag bewerten dies anders“, gibt AStA-Vorsitzender David Malcharczyk, Fachschafteninitiative Demokratische Hochschule (FDH) zu bedenken. Eine Diskussion weit und insbesondere über die Medizin hinaus wird angesichts der gesellschaftspolitischen Implikationen als zwingend geboten erachtet. Senatorin Alexandra Colligs, Grüne Hochschulgruppe erläutert: „Der von professoraler Seite eingebrachte Vorschlag, eine Klüngelrunde unter besonderer Beachtung der Medizin einzurichten, war abzulehnen. Denn ohne Mandat, ohne klare Zielsetzung, ohne jegliche Verbindlichkeit wären damit die Anliegen nur zu schnell in Vergessenheit geraten. Es ist unumgänglich entscheidende Gremien ein weiteres Mal mit den Problemlagen zu konfrontieren.“

„Während die Senate der Universitäten Gießen und Marburg im Laufe dieses Jahres zumindest einen Aufarbeitungsbedarf anerkannten und entsprechende Schritte einleiteten, ist die pluralistische Großuniversität Frankfurt nicht einmal dazu im Stande ihrem oft herbeigesehnten Image von Toleranz und Aufgeschlossenheit gerecht zu werden und die Betroffenen und maßgeblichen Urheber des fundierten Antrages mindestens zu Wort kommen zu lassen“, empört sich Schwulenreferent Julian Fischer. „Trotz der Enttäuschung des heutigen Tages werden wir weiter am Thema bleiben. Es ist nicht hinnehmbar, dass jegliche inhaltliche Diskussion im Keim erstickt wurde.“

Die Aktionswoche Intersex an der Uni Frankfurt des AStA der Universität Frankfurt, des hiesigen Schwulenreferats und der Aktivist_innen von Zwischengeschlecht.org hat dazu beigetragen, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen.

Dieß soll nur ein Anfang gewesen sein und schloß mit einer Diskussionsveranstaltung über Bündnismöglichkeiten von sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten.

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