Lesbarkeit am Arsch

leserin-600x4241791 massakriert Frankreich schwarze Aufständische in Übersee. Haitis Revolutionäre (im Gros SklavInnen) fordern Freiheit für sich ein. Diesen Wunsch teilt die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges. Sie nimmt den Aufstand und die französischen Männerrechte* zum Anlass für ihre Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin. De Gouges fordert neben Alimenten für uneheliche Kinder (Artikel XI) die Rechtsgleichheit der Geschlechter. Dabei nimmt die Autorin jeden einzelnen Artikel von 1789 und schreibt ihn auf Frauen UND Männer um. Damit ist sie die bekannteste Person der Neuzeit, die gendert, also geschlechtergerecht formuliert.

Daran dachte ich neulich bei einem besonderen Facebook-Posting. Es gibt eine Gruppe, in der Publizistik-Studierende der Uni Wien Tipps zum Studienende austauschen. Und so fragte die Userin Monika S., ob sie ihrer Abschlussarbeit „so eine Art Einleitungssatz“ voranstellen könne, dass sie „aufgrund der Lesbarkeit etc“ auf „diese ganzen binnen I ´s“ verzichte, war ja im Schreibfluss. Oder müsse sie nochmal „alles gendern?“

In diesem Posting steht so viel Topfen (Quark), es bietet jeder Kritik genug Angriffspunkte. Nehmen wir die Lesbarkeit. Jede Sprache ist ständig im Fluss, also müssen wir unsere Lesegewohnheiten ohnehin ständig anpassen. Wenn wir Tippfehler und Deppenapostroph („binnen_I ´s“), Worte wie Stracciatella, Brexit und Polizeiliches Staatsschutzgesetz aushalten, wird ein Binnen-I (ein Sternderl [z.B. Frau*], ein Gendergap [2.] usw.) niemanden umbringen. Ein Stil sollte in Sachtext X halt durchgezogen werden.

In diesem Fall kommt hinzu, dass nur Frauen gegen das Gendern diskutierten (Stand Sonntagabend). Bei einem Mann wäre es ebenso dumm, aber nachvollziehbarer. All diese Frauen sind ausgebildete oder in Ausbildung befindliche Sozialwissenschafterinnen im Bereich Medien. Ist ihnen Sexismus wirklich noch nie begegnet, nicht mal als Studiengegenstand? Sind ihnen Hasspostings gegen Frauen fremd?

Bevor eineR die BILLA (Supermarktkette)-Kassiererin bemüht: Laute Gender-Gegnerinnen (!) sind freilich reaktionäre Frauen in Machtpositionen, die ausgesorgt haben, etwa Ärztinnen, Ingenieurinnen, Politikerinnen. Natürlich gibt es Wichtigeres in diesem Politikfeld. Aber gerade Medien haben die Verantwortung, hierbei voranzugehen und mit dem Gendern ein gerechteres Leben für alle einzufordern.

VerfechterInnen der Gleichberechtigung müssen akzeptieren, dass es immer auch Frauen geben wird, die sogar die Bewusstseinsbildung auslassen und sich nach der Kette am Herd zurücksehnen. Denn das ist der logische Schluss: Verbanne ich Frauen aus dem Diskurs, verbanne ich sie aus der öffentlichen Praxis. Ihnen bleibt nurmehr die Rolle als genügsame Mutter. Solche Leute sind aber, wie auch schwule Nazis oder bettelarme Mudschahedin, nicht die Hauptzielgruppe fortschrittlicher Politik. Lieber ein Heer gestandener Hausfrauen als verbannte Heimchen.

*Der citoyen im Titel der Erklärung und das Parlament von 1789 verdeutlichen, dass mit homme der Mann gemeint ist.

Autor Zoran Sergievski

Quelle: Unsere Zeitung

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