Mit einer befreiten, selbstbestimmten Sexualität ist es in Teilen der radikalen Linken nicht weit her

markus-bernhardDie radikale Linke geriert sich beim Thema Sexualität nur allzu gern mondän. Wirft man jedoch einen genaueren Blick hinter die gut gehegte Fassade, erblickt man ein Gemisch aus übertriebener Moral, Sexualitätsfeindlichkeit und Spießertum, wie es selbst bei überzeugten Anhängern der bürgerlichen Gesellschaft kaum mehr vorhanden sein dürfte.

Die Zeiten, in denen die linke Szene noch frei von Prüderie und Denkverboten über das Recht eines jeden Einzelnen auf selbstbestimmte Sexualität diskutierte, sind nunmehr seit Jahrzehnten vorbei. Die freie Sexualität der siebziger Jahre wurde abgelöst von einem von übertriebener »political correctness« geprägten Diskussionsstil. Anstatt Sexualität genüsslich auszuleben, ergötzt sich das Gros der linken Aktivisten in der Theoretisierung sexueller Praxis. Schränkt einen das vorherrschende Gesellschaftssystem in Sachen Sexualität schon nicht ein, übernimmt man das eben selbst, scheint mitunter eine Maxime der Linken zu lauten. Entweder macht man sich sein Sexualleben selbst zur Hölle oder es findet erst gar nicht statt.

Sexuelle Freiheit und Selbstbestimmtheit sind dabei in der radikalen Linken mittlerweile eine große Unbekannte. Einem Volksgericht ähnlich urteilt die Szene am liebsten über das, wovon sie keine Ahnung hat. Die unterschiedlichen Facetten menschlicher Sexualität werden meist negativ besetzt, strukturelle sexuelle Gewalt hinter jedem Busch herbei hallizuniert. Der durchschnittliche linke Aktivist, natürlich auch die linke Aktivistin, bilden sich ein, genau zu wissen, was in Sachen Sexualität zum linken Wertekanon gehört und was nicht. Als ungeschriebenes Gesetz gilt beispielsweise, dass Prostitution per se gleichzusetzen ist mit Unterdrückung, und Sado-Maso-Sex einzig auf den perversen Bedürfnissen brutaler Machos fußt. Vor allem diejenigen, die sich selbst das Prädikat »emanzipatorisch« verleihen, artikulieren sich – geht es um Sexualität – mitunter ebenso wortgewaltig wie katholische Hassprediger.

Zwar versucht die Szene sich durchaus weltmännisch zu geben, dreht sich jedoch immer wieder um die Achse ihrer eigenen verque(e)rten Moral und Biederkeit. En Vogue ist, wer sich als linker Aktivist die Fingernägel lackiert, zu besonderen Anlässen zum Rock greift und sich selbst als »queer« kategorisiert. Diese allseits beliebte linke Maskerade fällt jedoch schnell in sich zusammen, wenn man bedenkt, dass das Gros der Verkleidungskünstler nach wie vor auf monogame Zweierbeziehungen setzt und vielerorts alternativen Lebensformen nur offiziell mit Toleranz begegnet, da diese aus Gründen der selbst auferlegten »political correctness« nicht abgelehnt werden dürfen. Um das eigene Gewissen diesbezüglich zu beruhigen, verschreibt sich die Linke daher vordergründig dem Kampf gegen Homophobie und Transsexuellenfeindlichkeit. Aus übertriebenem Toleranzgefasel heraus, das kaum von tatsächlich vorhandenen Inhalten geprägt ist, kämpft man gegen angeblich homophobe Rapper und Reggaemusiker an und geht in trauter Eintracht mit reaktionären Verbänden wie dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) gegen eine – wissenschaftlich zwar unbewiesene – aber subjektiv offenbar vorhandene Gewalt Nichtdeutscher gegen Homosexuelle auf die Straße. Über die Köpfe der Betroffenen hinweg, in diesem Fall der Schwulen und Lesben, nutzt man das Themenfeld der alternativen – also nicht heterosexuellen – Sexualität zur politischen Selbstinszenierung. Aufgrund dieser durchschaubaren Herangehensweise verwundert indes kaum, dass sich linke Schwule, Anhänger des SM-Sex, Callboys und Huren, aber auch einige wenige fortschrittliche Heterosexuelle, dem Szenebiotop nach und nach entziehen und ihrer Sexualität fernab der linkskonservativen Beschränkungen in der jeweilig eigenen Community ungestört freien Lauf lassen.

Der politischen Linken jedenfalls bliebe zu wünschen, dass sich diejenigen, die sich – wie in der Vergangenheit geschehen – an einem Auftritt Nackter bei einem Berliner Anarchistenkongress oder einem Flugblatt der Arbeitsgruppe »Queer« der DKP auf dem »Lass uns über’s Ficken reden!« zu lesen war, stören, ein wenig zurücknehmen. Alternativ sei ihnen hier empfohlen, sich lieber ganz ihrer jeweiligen Zweierbeziehung zu widmen und die Geburt der Kinder – wie schon viele Aktivisten zuvor – zum Ausstieg aus der linken Szene zu nutzen.

von Markus Bernhardt, zuerst veröffentlicht in der Zeitung „Neues Deutschland“, Markus engagiert sich seit etwa zehn Jahren in der schwul-lesbischen Szene. 2007 erschien sein Buch »Schwule Nazis«.

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