Nicht Aufgeben! Solidarität mit Marie – Teil 2

400px-GeschlechtDie Solidarität geht weiter!

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit zeigen wir an, dass wir als queerpolitische Kommission beim Parteivorstand der Deutschen Kommunistischen Partei von unserer Genossin Marie (…)darum gebeten sowie dazu ermächtigt wurden, sie in ihrer nachfolgend dargestellten Sache politisch zu unterstützen. Dieser Bitte wollen wir solidarisch nachkommen.

Die eine Schweigepflichtentbindung uns gegenüber enthaltende Ermächtigung liegt diesem Schreiben in Kopie bei. Wir weisen darauf hin, dass Sie gesetzlich zur Auskunft verpflichtet sind, diese Anfrage also beantworten müssen.

Sachverhalt

Unsere bei Ihnen versicherte Genossin ist transgeschlechtlich, d.h. wurde mit gegengeschlechtlichen Genitalien geboren. Zunächst ist festzuhalten, dass die medizinische Wissenschaft in den letzten 20 Jahren mit hinreichender Sicherheit evident festgestellt hat, dass es sich bei transgeschlechtlichen Menschen nicht, wie früher mangels besserer Erklärungen fälschlicherweise angenommen, um Personen handelt, die aufgrund einer Störung der Geistestätigkeit den zwanghaften Wunsch hegen, dem anderen Geschlecht anzugehören. Vielmehr verfügen sie? über die neuronalen Strukturen des einen, jedoch über die Genitalien des anderen Geschlechts und gehören daher, schließlich bestimmt sich wer wir sind nicht zwischen unseren Beinen sondern zwischen unseren Ohren, tatsächlich dem einen Geschlecht an, haben aber gegengeschlechtliche Genitalien und leiden entsprechend unter dieser Fehlbildung und ihren Auswirkungen. Diese Erkenntnisse erkennt auch die höchste Instanz in Sachen Diagnose und Klassifikation, die WHO, an und distanziert sich von den früheren, als falsch erkannten Psychopathologisierungen. Ein entsprechender, krankheitswertig schwerwiegender Leidensdruck besteht, wie uns sowohl persönlich bekannt als auch durch mehrere fachärztliche Gutachten nachgewiesen ist, auch bei unserer Genossin. Daher strebt sie die Angleichung ihrer körperlichen Geschlechtsmerkmale an ihr Geschlecht an. Den Abschluss dieser langen und aufwändigen Reihe an Behandlungen, die operative Angleichung ihrer gegengeschlechtlichen Genitalien, verwehren Sie als ihre Krankenkasse ihr jedoch mit der aus materialistisch-wissenschaftlicher Sicht nicht haltbaren, ja in sich widersprüchlichen Begründung, dass sie ihr weibliches Leben weiter „erproben“ solle, vielleicht finde sie sich mit ihren falschen Genitalien ja ab.

Fragestellungen

  1. Marie (…) ist hier persönlich bekannt. Es ist nicht nachvollziehbar, was sie noch „erproben“ soll, wir erleben sie in ihrer alltäglichen politischen Arbeit wie auch bei gemeinsamen Freizeitaktivitäten weder als männlich noch als irgendetwas zwischen den Geschlechtern, sondern können bestätigen, dass es sich bei ihr, bis auf den einen, noch zu beseitigenden körperlichen Mängel, äußerlich wie von Auftreten und Persönlichkeit her, uneingeschränkt und völlig selbstverständlich um eine authentische Frau handelt. Wir weisen darauf hin, dass ihr Einsatz in unserer Partei sowie im mit uns befreundeten Jugendverband in allen Politikbereichen erfolgt und noch nie Dritte an ihrem weiblichen Geschlecht gezweifelt haben; im Gegenteil, vielmehr wird regelmäßig mit Verwunderung und Unglauben reagiert, wenn zufällig herauskommt, dass sie transgeschlechtlich ist. Auch ist sie rechtlich, per Gerichtsbeschluss festgestellt und anerkannt, dem weiblichen Geschlecht zugehörig. Was erhoffen Sie sich noch von einer weiteren „Erprobung“ des Lebens im weiblichen Geschlecht? Was genau soll noch erprobt werden? Die MdS-Richtlinien zum Thema sehen vor, dass sich die Erprobung nach den Erfordernissen des Einzelfalls richten soll. Welche Erprobung soll noch erforderlich sein?
  1. Wir können nachvollziehen, dass das Leben im richtigen Geschlecht nicht wirklich erfüllend sein kann, wenn man ständig etwas verstecken muss, was einen „auffliegen lassen“, als unecht hinstellen könnte. Ebenso können wir verstehen, dass es sehr schwer fällt, sich selbst als richtig wahrzunehmen und ein entsprechendes Selbstbewusstsein zu entwickeln, wenn man über einen Körperteil verfügt, den man von Kindesbeinen an als falsch und störend, eben als Fehlbildung wahrnimmt. Zu guter Letzt leuchtet ein, dass gerade falsche Genitalien einen entsprechenden Leidensdruck schaffen, schließlich ist mit ihnen unter keinen Umständen ein dem richtigen Geschlecht entsprechendes Körperbild zu erreichen. Marie (…) leidet seit ihrer Kindheit unter diesem Geburtsfehler und kann sich seit nunmehr 27 Jahren nicht mit ihm abfinden. Wodurch soll nun, wo die falschen Genitalien nicht nur nicht zu ihrer Identität, sondern nicht einmal mehr zu ihrem restlichen, bereits an ihr Geschlecht angeglichenen Körper passen, plötzlich eine Identifikation oder zumindest ein Abfinden mit den falschen Genitalien möglich sein? Warum sollte die Genossin sich auf halbem Wege mit einer unvollständigen Angleichung zufrieden geben, obwohl sie massiv unter dem Fehler zwischen ihren Beinen leidet? Wir weisen vorsorglich darauf hin, dass die obligatorische und von der Genossin in vorbildlicher Weise in Anspruch genommene psychiatrisch-psychotherapeutische Begleitung von transgeschlechtlichen Personen gemäß der MdS-Richtlinien zum Thema ausdrücklich nicht der Auflösung ihres Leidens, sondern lediglich der Diagnose- und Indikationssicherung dient. Eine Auflösung des transgeschlechtlichen Problems ist auf psychischer Ebene historisch noch nie gelungen und auch schlicht nicht möglich, da es sich wie eingangs festgestellt um ein körperliches Problem handelt.
  1. Die Genossin ist in der Vergangenheit trotz ihres erheblichen Leidensdrucks stets als vielseitige, entschlossene, lebensfrohe und kraftvolle Persönlichkeit in Erscheinung getreten. Seit der Ablehnung ihres Antrags auf die ihr Leiden beendende Operation fällt sie uns jedoch als zurückgezogen, niedergeschlagen, ängstlich, ja geradezu kränklich auf. Es ist hinlänglich bekannt, gehört zum Allgemeinwissen, dass schwere Rückschläge sowie aussichtslose Situationen krank machen, Menschen gar zerstören können. Im vorliegenden Fall liegt es sogar nahe, einen Vergleich zur Begrifflichkeit der unterlassenen Hilfeleistung zu ziehen, könnten Sie das Leiden der Genossin doch jederzeit beenden, tun es aber nicht, sondern zögern es völlig willkürlich hinaus und handeln damit Ihrer Aufgabe als gesetzliche Krankenversicherung, dem Erhalt der Gesundheit, völlig zuwider, machen unsere Genossin krank. Eingaben, Widerspruchserklärungen der Genossin sowie ihrer Anwältin, ja sogar ärztliche Atteste die einen Aufschub der Operation für unzumutbar erklären, tun Sie mit der Behauptung ab, sie trügen nichts zur Bewertung des Falls bei. Das geforderte – wir wollen nicht eingeleitet sagen, dass Ihrerseits eines eingeleitet wurde ist nämlich in keiner Weise ersichtlich – Widerspruchsverfahren zieht sich nun seit Monaten, ohne dass man jemals wieder etwas davon gehört hätte. Es erhärtet sich der Eindruck, dass Sie die Behandlung der Genossin auf Gedeih und Verderb hinauszögern wollen. Liegen wir mit diesem Eindruck richtig? Warum wollen Sie die Behandlung hinauszögern, was soll das, außer zusätzlicher, ja intensivierter Leidenszeit, bringen?

Bitte beantworten Sie uns die vorstehenden Fragestellungen umgehend, spätestens jedoch innerhalb von drei Wochen nach Erhalt dieses Schreibens, schriftlich so ausführlich wie möglich. Ziehen Sie dazu gerne Kolleg_innen, Vorgesetzte usw. heran, antworten Sie gerne als Kollektiv. Berücksichtigen Sie, dass wir uns eine anonymisierte Veröffentlichung des Vorgangs sowohl online als auch in den uns zur Verfügung stehenden Printmedien vorbehalten.

Hier findet sich der erste Teil

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