Nicht Aufgeben! Solidarität mit Marie!

400px-GeschlechtHallo Marie, schön dass wir die Zeit gefunden haben mal etwas über dich zu reden und dass wir so deine Problematik öffentlich machen können.

Kurz für die, die mich noch nicht kennen: Ich bin 26 Jahre jung und bin in DKP und SDAJ aktiv. Auf die Queerkommission meiner Partei traf ich zum ersten Mal auf dem vergangenen Festival der Jugend in Köln, mit der Queerthematik habe ich insofern zu tun, als dass ich mich als pansexuell definieren würde, d.h. ich fühle mich von Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht angezogen. Ansonsten bin ich eine ganz normale junge Frau mit einem ganz normalen Leben… naja, fast. Immerhin habe ich Transitionshintergrund, wurde also bei meiner Geburt dem falschen Geschlecht zugewiesen.

Du wolltest ja am 34. Bundestreffen in Augsburg teilnehmen was leider nicht geklappt hat. Wie kam es dazu?

Meine Transition ist fast abgeschlossen, es fehlt nur noch „die Operation“. Und genau diese will meine Krankenkasse mir mit fadenscheinigen Gründen verwehren. Am Tag, an dem ich nach Augsburg fahren wollte, erreichte mich ein Anruf meiner Krankenkasse, man teilte mir mit, dass man meinen Kostenübernahmeantrag hinsichtlich einer geschlechtsangleichenden Operation abzulehnen gedenke und verwies mich auf eine krankenkasseninterne Richtlinie, die eine starre, absurd lange Zeitfrist vorgibt, die man vom Angleichungsbeginn bis zur Operation zu warten hat. Selbstverständlich war mein Antrag mit Anlagen aller Art, ärztlichen Gutachten, Diagnosen und natürlich der obligatorischen Verordnung der Operation belegt, ich habe einwandfrei nachgewiesen, dass ich die Operation dringend benötige, man will mich aber zum Abwarten verdonnern, hinhalten. Am Rande konnte ich deutlich heraushören, dass man hofft, dass ich aufgäbe.

Du gibst aber nicht auf oder?

Warum es absoluter Unfug ist, dass ich eventuell aufgeben könnte, will ich euch hier kurz erklären. Es ist der medizinischen Wissenschaft seit langer Zeit bekannt, dass das Geschlecht einer Person ihr feststehendes, unumstößliches Wissen ist, genau so wie ihr inneres Bild davon, wie ihr Körper auszusehen hat. Jede Abweichung von diesem geschlechtlichen Selbstbild sowie diesem inneren Körperschema ist hochgradig belastend, man spricht von einem „krankheitswertigen Leidensdruck“.

Sowohl für die wissenschaftliche Medizin als auch für uns als Kommunist_innen, Materialist_innen mit einer wissenschaftlichen Weltanschauung, muss sich natürlich die Frage stellen, wie und anhand welcher Kriterien man diesen Faktor namens Geschlecht nun zweifelsfrei und ohne Widersprüche feststellen kann. Genosse Thomas bat mich vor einiger Zeit, aus meiner Perpektive als Betroffene einerseits, Kommunistin andererseits, ein Papier der KKE zu begutachten, das sich ansatzweise ebenfalls mit dieser Thematik befasst. Ich will hier daher zunächst meine Stellungnahme dazu wiedergeben.

<< Körperliche Geschlechtsmerkmale haben sich als dafür untauglich erwiesen, sie begründen lediglich eine Vermutung – die aber von Millionen trans- und intergeschlechtlichen Menschen weltweit, kultur- und gesellschaftsunabhängig, widerlegt wird. Ebenso verhält es sich mit Genen, Vorlieben, Sozialisationen, Verhaltensweisen und vielen anderen verbreiteten Kriterien, sie begründen lediglich Vermutungen, sind zur zweifelsfreien Geschlechtsfeststellung aber nicht ohne weiteres zu gebrauchen. Allein die Selbsteinschätzung Betroffener hat noch nie gelogen. Wenn mir eine Person sagt, dass sie, entgegen meiner Vermutung dem Geschlecht A angehört, dann kann ich mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit darauf verlassen, dass diese Aussage zutrifft und meine Vermutung falsch war. Insofern sind soziales und biologisches Geschlecht von vornherein keine brauchbaren Kategorien, da ich sie nicht zweifelsfrei feststellen kann.

Zur Trennung zwischen den beiden Pseudokategorien „biologisches“ und „soziales Geschlecht“ sei nur kurz festgehalten, dass es sich dabei schon historisch um eine Blendgranate fernab von jedwegem medizinischen Sachverstand handelt. Die Idee, dass das eigene Geschlechtsempfinden einer Person und ihre Körperlichkeit unabhängig voneinander seien, wurde 1966 von dem amerikanischen Medizindogmatiker John Money in die Welt gesetzt, der damit Bruce Reimer helfen wollte, einem Jungen, dem bei einer missglückten Beschneidung der Penis amputiert wurde. Money propagierte damals, dass der Junge ja auch problemlos penislos aufwachsen könne, man solle ihn einfach wie ein Mädchen behandeln. Als Reimer im Alter von 25 Jahren davon erfuhr, dass er als Junge geboren wurde, begann er sofort, als Mann zu leben und suiziderte sich wenige Jahre später. Schon in diesem Ursprungsfall zeigt sich doch recht deutlich, dass eigene Geschlechtsempfinden und das Bild vom eigenen Körper eng miteinander verknüpft sind – wäre die Körperlichkeit für das eigene Geschlechtsempfinden irrelevant, hätte Reimer sich wohl kaum verzweifelt das Leben genommen.

Die Money’sche Theorie hat jedoch überlebt und gilt heutigen Genderdogmatikern als Grundlage für ihre Annahmen, der Zusammenhang zwischen Geschlechtsempfinden und Körperlichkeit liege lediglich an sozialen Erwartungen. Auffällig ist, dass sich dieses Geschlechtsempfinden nicht verändern lässt, weder durch Wollen noch durch Psychotherapie, interessant ist hierzu eventuell auch eine internationale Studie von 2009-11, die feststellt, dass im Gehirn transsexueller Frauen Strukturen nachzuweisen sind, die so nur bei Frauen auftreten, während bei transsexuellen Männern Strukturen vorgefunden werden, die so nur bei Männern existieren (Journal of Psychiatric Research, DOI: 10.1016/j.jpsychires.2010.05.006). Eine Erweiterung dieser Untersuchung durch den indischen Neurologen Ramachandran zeigt weiter, dass transsexuelle Frauen nach Penisamputation und Vaginaaufbau keine Phantomschmerzen zeigen, wie dies bei nicht transsexuellen Männern der Fall ist. Auch diese materiellen Erkenntnisse, die wir als Materialisten prinzipiell höher werten müssen als Gendertheorien, widerspricht ganz erheblich der Behauptung, ein Mensch habe ein biologisches und ein soziales Geschlecht andererseits. Die klinische Forschung spricht nur noch von „Zuweisungsgeschlechtern“, die bei der Geburt anhand äußerer Körpermerkmale zugewiesen werden einerseist, und „Gehirngeschlechtern“ andererseits.

Da nun alles, was ein Mensch ist, will und tut zuerst in seinem Gehirn stattfindet, dürfte die Frage, ob einer Person das Geschlecht zuzuweisen ist, das man bei ihrer Geburt vermutet hat, oder ob ihr zu glauben ist, wenn sie sagt, dem anderen Geschlecht anzugehören, dürfte damit aus materialistischer Sicht beantwortet sein. Eine transsexuelle Frau, die unter ihrem Körper leidet, ist eine Frau mit falschen Genitalien, ein transsexueller Mann, der unter seinem Körper leidet, ein Mann mit falschen Genitalien. Der Fehler liegt nicht bei ihnen, ihre Geschlechtszuweisung bei Geburt war falsch und ist daher zu ändern. Und dass eine Frau körperliche, seelische und soziale Probleme damit haben dürfte, einen Penis zu haben sowie ein Mann damit, eine Gebärmutter zu haben und die Betroffenen damit der Behandlung bedürfen, ist sicher offensichtlich. >>

Nach diesem kleinen Exkurs in die wundersame Welt der Transsexualitätsdiagnostik dürfte ein wenig klarer geworden sein, inwiefern es sich bei der Forderung meiner Krankenkasse, dass ich doch noch abwarten soll, vielleicht lege sich mein Verlangen nach einem vollständig weiblichen Körper ja von selbst, um absoluten Nonsens handelt. Einmal davon abgesehen, dass meine Transition nur noch dieses einen Schrittes bedarf, um als abgeschlossen betrachtet zu werden, dass ich nur noch diesen einen Schritt brauche, um so weit wie möglich den Körper zu haben, der meinem inneren Körperbild entspricht, ist die Forderung geradezu zynisch. Meine Krankenkasse möchte mich dazu nötigen, auf eine allgemein als sinnvoll und hilfreich anerkannte sowie in meinem konkreten Fall nachgewiesenermaßen notwendige Behandlung zu verzichten.

Naja so lange wartest du ja noch nicht. Was sind schon 12 Jahre? Und die Krankenkasse wird schon einen guten Grund haben oder? Sarkasmus aus!

Der Grund dafür liegt nahe: Eine solche Operation kostet in der mittleren bundesdeutschen Preisklasse etwa 20.000-30.000 €… mein verbleibender „krankheitswertiger Leidensdruck“, mein Leiden unter dem letzten als absolut falsch, nicht zu mir gehörig empfundenen Teil meines Körpers, der für mich persönlich allenfalls den Stellenwert von Baumaterial, im Alltag jedoch gar den eines krankhaften Geschwüres hat, wäre mit dem Eingriff regelrecht weggezaubert. Er kostet aber. Letzteres ist mir egal, ersteres wichtig – ich bin krank, habe einen körperlichen Fehler, unter dem ich krankheitswertig leide, der sich aber behandeln lässt, also muss er behandelt werden. Bis zum Schluss, bis ins letzte Detail. Darum kämpfe ich seit nunmehr Jahren, bisher „nur“ im Alltag, jetzt eben auch vor Gericht, wo ich selbstverständlich einen politischen Prozess anstrebe, denn meine Forderung ist die von einigen zehntausend trans- und intersexuellen Menschen alleine in Deutschland.

Wie sehen deine Forderungen aus?

Aus meiner Betroffenensicht als auch aus meiner kommunistischen Perspektive sind die notwendigen Forderungen: Weg mit menschenverachtenden und wissenschaftsfernen Richtlinien, weg mit der Kassenwillkür – Rechtsanspruch auf die geschlechtsangleichende Behandlung jederzeit! Für eine solidarische Medizin, die Betroffenen wirklich hilft!

Dem ist nichts hinzu zu fügen! Vielen Dank Marie!

Veröffentlicht unter Interview

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