Rudolf Brazda verstorben

Der vermutlich letzte Überlebende des deutschen faschistischen Terrors gegen Schwule ist tot. Rudolf Brazda verstarb am Mittwoch morgen im Alter von 98 Jahre in einem Krankenhaus in Bantzenheim  Haut-Rhin friedlich im Schlaf. Er soll in der nächsten Woche auf eigenen Wunsch eingeäschert werden, seine Asche wird neben der seines Lebenspartners Eduard verstreut werden.

Im April erst hatte der in Frankreich lebende Brazda, noch die höchste Auszeichnung Frankreichs, den Orden der Ehrenlegion, verliehen bekommen.

Der Sohn tschechoslowakischer Immigranten war 20, als das deutsche Kapital Hitler an „die Macht“ schob. Fast zur gleichen Zeit, hat er in Leipzig seinen ersten Freund kennen gelernt, mit dem er auch in Meuselwitz (Thüringen) zusammenlebte. Dort wurde er 1937 denunziert, wegen „unnatürlichen Verhaltens“ zunächst in U-Haft genommen und nach einem „Geständnis“, zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt.
Nachdem er des Landes verwiesen wurde, zog er nach Karlovy Vary (damals noch „Karlsbad“ in der Tschechoslowakei). 1941 wurde er erneut verhaftet und zu vierzehn Monaten Haft verurteilt. 1942 kam er wie ca. 650 weitere „rosa Winkel“ Häftlinge nach Buchenwald. Viele mussten im Steinbruch Sklavendienste verrichten und kamen dabei ums Leben.

2 kommunistische Kapos retteten Rudolfs Leben. Gustav Wilms (Häftling Nr. 4104), sein „Kapo“ im Dachdeckerkommando setzte sich für Rudolf ein, als eine Überstellung nach Dora drohte (weil Rudolf auf die Frage eines SS-Mannes „blöd“ geantwortet hatte). Gustav Wilms kam am 24.5.1938 nach Buchenwald, nachdem er bereits 1931 zu 2 Jahren Haft wegen seiner Mitgliedschaft im Roten Frontkämpferbund (RFB) verurteilt wurde und im April 1933 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu weiteren fünf Jahren verurteilt wurde. Gustav Wilms stammte aus dem Ruhrgebiet blieb aber nach der Selbstbefreiung in Thüringen und starb dort 1962.

Der 2. Kapo kam aus Bayern und hatte die Aufsicht über den Schweinestall. Er verstecke Rudolf in den letzten Tagen des KZs.

Als am 11. April 1945 die Häftlinge den bewaffneten Aufstand gegen die SS wagten und das Lager befreiten war der Leidensweg im faschistischen Deutschland vorbei. Rudolf Brazda zog nach Mulhouse in Frankreich, dort lernte er auch seinen Lebenspartner Eduard kennen, der 2003 verstarb.

Zwischen 1934 und 1945 kamen zwischen 10.000 und 15.000 schwule Männer ins KZ, die wenigsten haben den faschistischen Terror überlebt. Für die Überlebenden ging die Verfolgung in der BRD nahtlos nach der Befreiung vom Faschismus weiter, da der Paragraph 175 noch bis 1969 in der von den Faschisten verschärften Form Gültigkeit hatte. Abgeschafft wurde der er erst nach einer Rechtsangleichung an DDR Recht, im Jahr 1994. Da die wenigen Überlebenden wenn sie wieder „straffällig“ wurden, wieder nach dem gleichen Paragraphen verurteilt wurden, wurde die Strafe aus dem Faschismus strafverschärfend mit angerechnet. Entschädigt wurde von BRD Seite nicht ein „rosa Winkel“ Opfer! Die Opfer der BRD Justiz schon gleich gar nicht.

In seinen letzten Lebensjahren besuchte er neben vielen CSD-Veranstaltungen auch  Schulklassen und berichtete wie viele andere Buchenwalder auch. Nun ist auch seine Stimme verstummt. Aber Rudolf Brazda war ein Beispiel, wie wichtig es ist, was Emil Carlebach schon 1999 sagte: „Die Zeitzeugen sterben, in wenigen Jahren wird es keine mehr geben. Es ist an der Zeit, Zeugen der Zeitzeugen auszubilden.“ Denn immer weniger Menschen können aus eigener Anschauung darüber Zeugnis ablegen, was unter der Herrschaft des deutschen Faschismus geschehen ist! Schon fast vergessen und nur von uns Kommunisten im kollektiven Gedächtnis der Menschheit gehalten ist unter anderem der Schwur von Buchenwald. Und auch, soll vergessen gemacht werden, wie Widerstand in Buchenwald geleistet wurde. In einem anderen Artikel zum Tod von Rudolf Brazda wurden aus den Kapos die Rudolf vor schlimmerem bewahrten „Aufseher“ und die Selbstbefreiung wurde geleugnet. Dort wurde Buchenwald „von der US-Armee befreit“ wie es alle Geschichtsrevisionisten schreiben. Wir Kommunistinnen und Kommunisten werden Rudolf Brazda wie alle anderen Buchenwalder auch, bei den Feierlichkeiten zur Selbstbefreiung im April 2012 ehren. Damit eines Tages auch der Schwur von Buchenwald, Wirklichkeit wird!

Am 19. April 1945 kamen im befreiten Konzentrationslager Buchenwald 21.000 Männer und Knaben zu einer Trauerkundgebung zusammen und legten den Schwur von Buchenwald ab, der in französischer, russischer, polnischer, englischer und deutscher Sprache vorgetragen wurde.

Kameraden!

Wir Buchenwalder Antifaschisten sind heute angetreten zu Ehren der in Buchenwald und seinen Aussenkommandos von der Nazibestie und ihrer Helfershelfer ermordeten 51.000 Gefangenen!

51.000 erschossen, gehenkt, zertrampelt, erschlagen, erstickt, ersäuft, verhungert, vergiftet – abgespritzt –

51.000 Väter, Brüder – Söhne starben einen qualvollen Tod, weil sie Kämpfer gegen das faschistische Mordregime waren.

51.000 Mütter und Frauen und hunderttausende Kinder klagen an!

Wir lebend gebliebenen, wir Zeugen der nazistischen Bestialitäten sahen in ohnmächtiger Wut unsere Kameraden fallen.

Wenn uns eins am Leben hielt, dann war es der Gedanke: Es kommt der Tag der Rache! Heute sind wir frei!

Wir danken den verbündeten Armeen, der Amerikaner, Engländer, Sowjets und allen Freiheitsarmeen, die uns und der gesamten Welt Frieden und das Leben erkämpfen.

Wir gedenken an dieser Stelle des grossen Freundes der Antifaschisten aller Länder, eines Organisatoren und Initiatoren des Kampfes um eine neue demokratische, friedliche Welt,

F. D. Roosevelt. Ehre seinem Andenken!

Wir  Buchenwalder, Russen, Franzosen, Polen, Tschechen, – Slowaken und Deutsche, Spanier, Italiener und Österreicher, Belgier und Holländer, Engländer, Luxemburger, Rumänen, Jugoslawen und Ungarn kämpften gemeinsam gegen die SS, gegen die nazistischen Verbrecher, für unsere eigene Befreiung. Uns beseelte eine Idee: Unsere Sache ist gerecht – Der Sieg muß unser sein!

Wir führten in vielen Sprachen den gleichen, harten, erbarmungslosen, opferreichen Kampf und dieser Kampf ist noch nicht zu Ende. Noch wehen Hitlerfahnen!

Noch leben die Mörder unserer Kameraden!
Noch laufen unsere sadistischen Peiniger frei herum!

Wir schwören deshalb vor aller Welt auf diesem Apellplatz, an dieser Stätte des faschistischen Grauens:

Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!

Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.

Das sind wir unseren gemordeten Kameraden, ihren Angehörigen schuldig.

Zum Zeichen Eurer Bereitschaft für diesen Kampf erhebt die Hand zum Schwur und sprecht mir nach:

W I R   S C H W Ö R E N !

In Rudolfs Aufzeichnungen über den Tag des Buchenwaldschwurs fanden sich diese Zeilen: „Der amerikanische Kommandant hat gesagt, Ihr zählt jetzt zu den besten Menschen der Welt“…

Rudolf ist in den frühen Morgenstunden des 3. August 2011 friedlich eingeschlafen. Seine Pflegerin hat ihm um 7 Uhr30 tot aufgefunden. Es gab keinen Schmerzensausdruck in seinem Gesicht, was doch ein kleiner Trost für uns alle ist.

Veröffentlicht unter Geschichte, Internationales Getagged mit:
One comment on “Rudolf Brazda verstorben
  1. Jannis Kerler sagt:

    eine kompakte und prägnante zusammenfassung der homo-verfolgung im faschismus ist hier nachzulesen:

    Verfolgung von „Volksfeinden“ als Staatsauftrag – Vor 75 Jahren entstand die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“

    Die „Gefährdung der Bevölkerungspolitik und Volksgesundheit“ durch die „verhältnismäßig hohe Zahl von Abtreibungen“ sowie die „homosexuelle Betätigung einer nicht unerheblichen Schicht der Bevölkerung, in der eine der größten Gefahren für die Jugend liegt, erfordert mehr als bisher eine wirksame Bekämpfung dieser Volksseuchen“, schrieb Heinrich Himmler am 10. Oktober 1936 in einem Geheimerlass. Mit diesem ordnete der Reichsführer der SS und Chef der Deutschen Polizei die sofortige Gründung einer „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“ an. Ihre Aufgabe bestand in erster Linie in der Sammlung von Informationen über homosexuelle Männer und in der Einleitung von polizeilichen Maßnahmen, um deren Verfolgung zu koordinieren.

    Unter Leitung der Kriminalbeamten Josef Meisinger und später Erich Jacob wurden die Daten zehntausender Männer gespeichert, die wegen „homosexueller Vergehen“ aufgefallen waren oder dieser verdächtigt wurden. Aufgrund einer Kooperation mit verschiedenen Abteilungen der Gestapo und Kriminalpolizei in Kombination mit einer erheblichen Erweiterung der Ermittlungs- und Zugriffsmöglichkeiten wurde mit dem Aufbau der Reichszentrale die bereits zu Beginn des Nationalsozialismus verschärfte Homosexuellenverfolgung systematisiert und radikalisiert. Die Verfolgung erreichte bald darauf ein in Ausmaß und Intensität bis dahin ungekanntes Niveau.

    Der ganze Artikel von Stefan Heinz und Lukas Bergmann ist hier im Gedenkstättenforum (Oktober 2011) nachzulesen:

    http://www.rosalux.de/news/37890/verfolgung-von-volksfeinden-als-staatsauftrag-vor-75-jahren-entstand-die-reichszentrale.html

    http://www.gedenkstaettenforum.de/offenes-forum/offenes-forum/news/verfolgung_von_volksfeinden_als_staatsauftrag/

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