Spaltung des CSDs in Berlin offiziell

„Für eine revolutionäre LBTIQ-Bewegung!“

von Stefan Godau

Transgenialer CSD Berlin 2006Die Spaltung war unabwendbar: In diesem Jahr wird es zwei Demos am Christopher Street Day, dem traditionellen Kampf-und Feiertag der LBTIQ-Bewegung geben. Vorausgegangen war dem eine monatelange, auch über die Presse ausgetragene Schlacht, in der vor allem diejenigen, die jetzt mit dem „Aktionsbündnis CSD 2014“ eine eigene Plattform gegründet haben, die dem CSD e.V., deren Umzug in „Stonewall Parade“ umgenannt hat, vorwirft, nicht für die ganze „Community“ zu sprechen. Weniger politische Differenzen als eher persönliche Eitelkeiten spielten hierbei eine Rolle.

Das „Aktionsbündnis“-eine „politischere“ Alternative zum Kommerz-CSD ?

Keine der beiden Demos ist „politischer“ oder „kämpferischer“ als die andere, auch wenn die Demo des Aktionsbündnisses an der ugandischen Botschaft startet und sich mit den SexarbeiterInnen in der Potsdamer Strasse solidarisiert. In beiden Aufrufen finden sich unterstützenswerte Forderungen nach gleichen Rechten, für sexuelle Vielfalt, etc. Aufgrund seines (internationalen) Bekanntheitsgrades wird die „traditionelle“ Stonewall Parade deutlich mehr Menschen anziehen. Des weiteren beklagt der Aufruf des „Aktionsbündnisses“ sich nicht über die unpolitische und kommerzielle Ausrichtung (das wäre schon vor mindestens 10 Jahren angesagt gewesen), sondern nur darüber, dass die „Community“ nicht einbezogen wurde. Die grössten Kritiker der Elche…

Sind wir alle unter dem Regenbogen vereint?

Das Grundproblem des Bewegung (wenn es eine solche noch gibt) wurde nie gelöst: Die Annahme es gäbe eine klassenübergreifende „Community“, die gleiche Interessen hätte. Diese Annahme ist falsch, und zwar aus 2 Hauptgründen:

1. Der Kapitalismus hat kein Problem damit, alternative Lebensentwürfe zu integrieren. In den meisten westlichen Staaten können Lesben+ Schwule heiraten, PolitikerIn werden etc.

2. Die kapitalistische Klassengesellschaft beruht auf Spaltung anhand von Rasse, sozialer Herkunft, Geschlecht etc.

Was hat z.B. der schwule Flüchtling aus Uganda, der vor Diskriminierung, Armut und Elend geflüchtet ist und hier weder Wohnung, Arbeit noch Aufenthaltsstatus bekommt, davon, dass Berlin einen schwulen Bürgermeister hat? Und dies ist nur ein Beispiel von vielen. Seit Jahren klagen AIDS-Projekte darüber, dass ihnen die Mittel gestrichen werden. Zudem werden Selbstverständlichkeiten, wie die Akzeptanz queerer Lebensweisen mit dem Erstarken der AfD und ihrer Propaganda für die „natürliche Familienordnung“ wieder angegriffen. Seit einiger Zeit gibt es ein konservatives Roll-Back. Dies zeigt auch die heftige Debatte über den Unterricht über sexuelle Vielfalt an Schulen in Baden-Württemberg.

Eine LBTQI-Bewegung muss also breiter aufgestellt sein, als nur die Rechte eine (hauptsächlich) weißen schwul-lesbischen Mittelschicht einzufordern.
„Schwulsein ist nicht abendfüllend!“, wie es der Veteran der Bewegung Rosa von Praunheim schon in den 70ern ausdrückte.

Wo geht’s nach Queertopia?

Genauso falsch ist es jedoch, sich angesichts des Rechtsrucks der offiziellen „Bewegung“ in sein subkulturelles Ghetto ( hier Kreuzberg) zu verziehen und die CSDs dem Homo-Establishment kampflos zu überlassen.

Seit 1997 gibt es den Transgenialen CSD (TCSD) , der sich explizit als anti-kapitalistisch und anti-rassistisch versteht, der es jedoch nie (außer während des Kosovo-Krieges 1999) geschafft hat, Menschen, die nicht eh in der linksradikalen Szene engagiert sind, anzusprechen.

Parolen wie „Queertopia solidarisch erkämpfen!“ oder „CIS-Sexismus wegglitzern!“ (transgeniale Antifa) sind nicht nur politisch fragwürdig, sie sprechen auch außerhalb der eigenen Szene keine/n an.

Die OrganisatorInnen des TCSD zerstritten sich über die „weiße Dominanz“ heillos, und so ist davon auszugehen, dass es dieses Jahr gar keinen TCSD geben wird.

Und wo ist die sozialistische Linke?

Die sozialistische Linke hat sich im Kampf um sexuelle Befreiung nicht gerade mit Ruhm bekleckert: Zwar gibt es in der sozialistischen Bewegung durchaus Erfolge (z.B. das Engagement August Bebels gegen den § 175, die fortschrittlichen Sexualreformen in der frühen Sowjetunion u.a.); eine tiefgehende Analyse und Aktionsvorschläge für heute fehlen jedoch.

In Folge von ’68 gab es zwar immer wieder Versuche, die (damals noch hauptsächlich) schwule Bewegung mit den Gewerkschaften, der großen Friedensbewegung in den ’80ern und dem Widerstand gegen Nazis zu verbinden; spätestens mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem damit einhergehenden Rechtsruck der Schwulenbewegung sind diese jedoch verschwunden.

DIE LINKE.queer beschränkt sich weitestgehend auf die Teilnahme an den CSDs und fordert dort in Großen und Ganzen nicht mehr, als was auf den CSDs eh schon gefordert wird. Ausserhalb von Wahlkämpfen und den CSDs ist diese kaum aktiv.

Bei allen evtl. inhaltlichen Differenzen im Detail ist DKP queer z.Zt. die einzige Organisation mit bundesweitem Anspruch, die queere Forderungen mit dem Kampf um eine sozialistische Perspektive verbindet. Für die NaO wird es eine der Aufgaben sein, sozialistische Ideen unter LBTIQ-Personen (wieder) zu verankern.

Stefan Godau, Neue Antikapitalistische Organisation, Berlin

Links:

die offizielle Stonewall Parade: www.csd-berlin.de
Aktionsbündnis CSD: www.csd-berlin-2014.de
transgeniale Antifa: http://transgenialefantifa.blogsport.de/
Transgenialer CSD: http://transgenialercsd.wordpress.com/
DKP queer: www.dkp-queer.de
Neue Antikapitalistische Organisation (NaO): www.nao-prozess.de

 

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One comment on “Spaltung des CSDs in Berlin offiziell
  1. kreuzbürger sagt:

    der artikel ist ganz ok, aber es gab insgesamt drei csds oder besser gesagt vier. neben den bereits genannten kommerziellen und verbände/parteien-csd, fand in kreuzberg noch der kreuzberger csd (in der tradition des tcsd stehend) statt. darüberhinaus gab es am selben wochenende außerdem einen lesben pride, den dyke march. somit hat berlin mittlerweile 4 csd-umzüge!! die spaltung ist somit noch viel gravierender als der artikel ohnehin andeutet.

    der darstellung, der tcsd hätte nie über das linke spektrum hinaus menschen zur teilnahme bewegt ist humbug. er hatte zwar nie die größe der kommerziellen parade, aber an die tausend bestimmt, außer der im letzten jahr vielleicht. was aber eher mit den abstrusen politischen forderungen die dort geäußert wurden zu tun hatte. insgesamt ist der tcsd ja mehr und mehr zu einem geheimtipp geworden (gerade für die ganzen hipster und styler aus mitte, neukölln und kreuzberg), was nicht zuletzt auch durch die faktisch nicht stattfindende öffentlichkeitsarbeit geschürt wurde. ein beweis das mundpropaganda noch immer sehr gut funktioniert.

    mal sehen wie es weitergeht. 😉

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