Spaß und Kommerz

Junge-WeltIn Berlin finden am Sonnabend zum »Christopher Street Day« gleich zwei Paraden statt. Auf Kritik von linken Lesben und Schwulen stoßen mittlerweile beide
Von Markus Bernhardt

Zehntausende Lesben, Schwule, Trans- und Bisexuelle werden am Sonnabend anläßlich des »Christopher Street Day« (CSD) die Straßen Berlins erneut in ein buntes Treiben verwandeln. Der CSD geht ursprünglich zurück auf das Aufbegehren sogenannter sexueller Minderheiten im Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street. Damals setzten sich Lesben, Schwule, Transvestiten und Prostituierte erstmalig militant gegen eine Serie brutaler Polizeiübergriffe und Razzien zur Wehr.

Während die bundesdeutschen CSD-Demonstrationen in den 1980er Jahren noch von linken Lesben und Schwulen organisiert wurden und dementsprechend kämpferisch ausgelegt waren, dominieren heutzutage mehrheitlich karnevalesk anmutende Massenveranstaltungen das öffentliche Bild des CSD.

Im Gegensatz zu anderen Städten gibt es in Berlin gleich zwei meist am gleichen Tag stattfindende CSD-Paraden, die für sich reklamieren, die Forderungen der schwul-lesbischen Community zu vertreten. Neben dem ofmals als »kommerziell« und »bürgerlich« wahrgenommenen Groß-CSD versuchen sich die Macher des sogenannten transgenialen CSD (tCSD) darin, als eine linke Alternative zur Massenveranstaltung verstanden zu werden, die von den Funktionären der großen Homo-Lobbygruppen und auch von Politikern der Berliner Linkspartei organisiert wird.

Die Macher des tCSD hatten sich 1997 in Folge politischer Zerwürfnisse endgültig von der Großveranstaltung abgenabelt. Es hatte damals massive Polizeiattacken auf einen Paradewagen links-alternativer Gruppen gegeben, die von den CSD-Organisatoren zumindest geduldet worden waren. In Anspielung an einen Ausspruch von Klaus-Rüdiger Landowsky, den damaligen Fraktionsvorsitzenden der CDU im Berliner Abgeordnetenhaus, hatten sich die linken Schwulen und Lesben mit einem sogenannten Rattenwagen am CSD beteiligt und einige Polizisten und am Straßenrand parkende Nobelkarossen mit Schlamm bespritzt. Damit hatten sie gegen Landowskys Demagogie protestieren wollen, der im Abgeordnetenhaus gewettert hatte: »Wo Müll ist, sind Ratten, und wo Verwahrlosung herrscht, ist Gesindel. Das muß in der Stadt beseitigt werden.«

War der tCSD in den ersten Jahren seines Bestehens tatsächlich ein Anlaufpunkt für linke und linksradikale Lesben und Schwule, die sich fernab ihrer Sexualität auch in ihrer Ablehnung von Kapitalismus und Krieg einig waren, vollzog er vor allem in den letzten Jahren eine ähnliche Entwicklung wie der bürgerliche. Bis dato unverhandelbare Grundsätze wie die Ablehnung von Krieg und Kapitalismus wichen zunehmend randständigen Themen, die für größere Teile der Bevölkerung nicht vermittelbbar sind. Die Organisatoren des tCSD transformierten ihre eigene politische Demonstration in eine alternative Parade, deren politische Inhalte fast nur noch im eigenen Mikrokosmos der Betroffenen von Bedeutung sind. Im vergangenen Jahr dominierten Parolen wie »Laßt es glitzern« und trashige Kostümierungen ihr Erscheinungsbild.

Dagegen wäre an sich nicht einmal etwas einzuwenden, können doch auch aus einem freizügigen Umzug heraus ernsthafte politische Forderungen propagiert werden. Dem war jedoch nicht so. Im Gegenteil. 2011 brüllte eine wortgewaltige Gruppe von Teilnehmern einen schwulen jüdischen Friedensaktivisten von der tCSD-Bühne, weil der für eine friedliche Lösung des Nahost-Konfliktes geworben und – Stichwort »Pinkwashing« – Israel vorgeworfen hatte, sich mittels seiner vermeintlichen Toleranz für homosexuelle Lebensentwürfe in ein menschenrechtspolitisch gutes Licht rücken zu wollen. Im vergangenen Jahr wurde der »AG Schwule« in der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Berlin gar untersagt, sich an der Vorbereitung des tCSD zu beteiligen, womit sich dessen Organisatoren den Vorwurf einhandelten, die selben Ausgrenzungsmechanismen zu befördern, unter denen sie selbst nur allzu oft in Auseinandersetzungen mit dem »bürgerlichen« CSD zu leiden hatten.

In linken Parteien und Organisationen sowie bei Antifa- und schwul-lesbischen Migrantengruppen mehren sich die Stimmen, keine der beiden CSD-Paraden mehr zu unterstützen. So ruft etwa »DKP Queer« in diesem Jahr nicht mehr zur Teilnahme am tCSD auf, und auch im Landesvorstand der Berliner Linkspartei wird erstmals offen Kritik am Groß-CSD geübt. »Die Teilnahme meiner Partei an der Parade ist nicht unumstritten«, konstatierte Jochem Visser, Mitglied des Linke-Landesvorstandes am Donnerstag im Gespräch mit junge Welt. »Mir stellt sich die Frage, ob der CSD als politische Bühne für linke Lesben- und Schwulenpolitik überhaupt geeignet ist. Schließlich darf der politische Kampf für Toleranz und Emanzipation nicht durch das Propagieren eines kommerziellen Lifestyle vereinnahmt werden.«

Wie sehr die CSD-Paraden mittlerweile tatsächlich in der Krise stecken, wird auch daran deutlich, daß die Macher des tCSD in diesem Jahr erstmalig auf ihr bisheriges Straßenfest in Kreuzberg verzichten wollen. Das könnten sich die Organisatoren des CSD nicht erlauben, würden sie doch dadurch das Gros ihrer Sponsoren und Werbepartner verlieren.

»Der ganze CSD-Trubel ist leider hauptsächlich noch immer ein Event für Sponsoren, um ein bestimmtes Klientel zu bedienen. Es muß einfach festgestellt werden daß die schwule Subkultur ein teures Geschäft geworden ist: Strandurlaube, Parties und Designermöbel werden als wesentliche Bestandteile eines schwulen Lifestyles propagiert«, kritisiert Linke-Politiker Visser.

Quelle: JungeWelt

Wir danken dem Autor Markus Bernhardt für diesen Beitrag und der einzigen linken Tageszeitung der BRD das wir diesen Artikel verbreiten dürfen!

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