Staat und Prostitution

Dieser Artikel erschien in der Herbstausgabe der „Vorneweg“ – „Zeitung für Veränderung“ dem Magazin der Kommunistischen Jugend Österreich (KJÖ)

Über die gegenwärtige Lage von SexarbeiterInnen, Repression und sozialistische Perspektiven eines alten Gewerbes.

3000-8000 nicht registrierte SexarbeiterInnen soll es in Wien geben; 60-80% von ihnen sind Migrantinnen. So wie die Schätzungen über die Anzahl und ethnische Zusammensetzung von Prostituierten in Österreich je nach Quelle divergieren, so unterschiedlich sind hier Positionen und Praxis.

Je nach Moral wurde und wird der Sexarbeit in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Achtung entgegengebracht. In manchen indigenen, meist matriarchal orientierten Gesellschaften Lateinamerikas etwa war die Prostitution anderen Gewerbezweigen gleichgestellt. In christlichen Kulturkreisen, in denen dieses Gewerbe seit jeher verpönt ist, waren SexarbeiterInnen schon immer gesellschaftlicher Stigmatisierung und Kriminalisierung ausgesetzt, obgleich auch Würdenträger gerne und oft in Freudenhäuser einkehrten.

In Österreich müssen Prostituierte seit 1984 Abgaben an den Staat zahlen. Jedoch wird ihr Beruf weder als Gewerbe noch als Erwerbsarbeit anerkannt. Im Endeffekt bedeutet dies, dass die sich prostituierenden Frauen und Männer massiver Diskriminierung ausgesetzt sind. Einerseits treten seit Jahren immer schärfere Gesetze in Kraft, welche von Interessensgemeinschaften dieser Berufsschicht scharf kritisiert werden und gerade MigrantInnen treffen. Andererseits unternimmt der Staat nichts, um die rechtliche Stellung der Betroffenen zu stärken – und fördert die sooft mit dem Rotlicht in Verbindung gebrachte Kriminalität. Im bürgerlichen Feminismus gibt es Kräfte, welche sich für ein vollkommenes Verbot von Prostitution einsetzen; schnell wird in dieser Argumentation auf den Menschenhandel hingewiesen. SexarbeiterInnen werden als Opfer abgestempelt, aber der Staat unternimmt nichts, um ihre Position zu stärken. Stattdessen handelt man mit mehr Repression, treibt die Betroffenen immer mehr in die Illegalität.

Die Entrechtung von Prostituierten lenkt vom Hauptwiderspruch im kapitalistischen System ab – obgleich dieser ironischerweise im typischen Bordell-System reproduziert wird, im Verhältnis zwischen der Prostituierten und dem Zuhälter. Die herrschende Klasse kann den Prostituierten auch nur begrenzt (wie es in Holland oder der BRD geschieht) Rechte zugestehen, denn würde sie etwa Selbstorganisation[1] der SexarbeiterInnen zulassen, könnte dies auch das Bewusstsein von Menschen wecken, welche nicht im Rotlicht arbeiten. Sprich: die Aufmerksamkeit würde auf den Hauptwiderspruch gelenkt werden. Denn warum sollte nur eine Hure für ein höheres Einkommen und soziale Sicherheit kämpfen?
Es gilt daher für uns KommunistInnen, uns für die Legalisierung und Entkriminalisierung von Sexarbeit im Kapitalismus einzusetzen. Da v.a. MigrantInnen als SexarbeiterInnen tätig sind, ist diese Frage unweigerlich mit der Asylfrage verbunden. D.h., dass es ein Argument mehr gibt, für ein menschenwürdiges Asylrecht in diesem Land zu kämpfen.
Auf lange Sicht, also im Sozialismus, gilt es, die Entkommerzialisierung und Enttabuisierung der Sexualität zu vollziehen, eine wahrhaft emanzipatorische Sexualmoral zu lehren und weiterzuentwickeln, welche die Prostitution als Produkt reaktionärer Klassengesellschaften im Endeffekt überflüssig macht.

Unser Autor und Genosse aus Österreich: Zoran, Wien

[1] Im Sinne etwa gewerkschaftlicher Zusammenschlüsse. In vielen europäischen Ländern gibt es bereits Ansätze politischer Selbstorganisierung von Prostituierten.

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