»Tötet die Schwuchtel!«

Split Pride 2011

Split Pride 2011

Gay Pride in Belgrad Anfang Oktober. Zuversicht trotz Sicherheitsbedenken. Eine kleine Geschichte des Hasses. Von Zoran Sergievski, Belgrad

Die nächste „Parade des Stolzes Belgrad“ wird laut der gleichnamigen Bürgerinitiative, welche die Demonstration für LGBT-Rechte auch in der Vergangenheit organisierte, am Sonntag, den 2.10. diesen Jahres stattfinden. Auf einer polizeilich geschützten Pressekonferenz teilte die Sprecherin der queeren Initiative, Jovanka Todorovic, am Freitag mit, der Treffpunkt könne aus sicherheitstechnischen Grü nden noch nicht bekannt gegeben werden. Das Datum jedoch sei entgegen anderslautender Aussagen mit dem serbischen Innenministerium abgesprochen. Laut Goran Miletic, einem der Mitorganisatoren der „Parade“, werden gegenwärtig verschiedene Demorouten diskutiert, auch bereits erprobte. Eine spontane Verlegung an einen vollkommen anderen Ort sei jedoch ausgeschlossen. „Das wäre, als ob man ein Heimmatch von Partizan Belgrad“ auf den Bolzplatz eines Fünftlegisten verschieben würde, so Miletic. Er spielt damit auf Geschehnisse im Jahr 2009 an. Damals verlegte die Polizei die Manifestation vor das serbische Parlament.

„Die Parade des Stolzes ist kein Sicherheitsrisiko für den Staat.“, meinte Miletic weiter. Der Aktivist fügte hinzu, dass ein Sicherheitsrisiko vielmehr darin bestünde, „wenn die Staatsbürger von 20.000 Dinar monatlich leben müssen“ (20.000 serbische Dinar entsprechen etwa 210 Euro, wobei der tatsächliche Durchschnittslohn im Juli bei etwa 400 Euro stagniert, Anm. d. Verf.). Die Aufmerksamkeit, welche dem Thema Sicherheit in der Diskussion zugestanden wird, zeige deutlich, „wie schlecht es um die LGBT in Serbien bestellt ist.“ Trotzdem habe sich das Ansehen von LGBT laut neuesten Daten insgesamt gebessert. Das Motto der Parade wird jedenfalls „Unterstützung durch die Familie“ lauten, und die Polizei werde in jedem Fall die Parade schützen.

Die „Parade des Stolzes“ hat eine traurige Geschichte in Serbien. Erstmals fand sie im Sommer 2001 unter mangelhaftem Polizeischutz statt. Ein von orthodoxen Priestern aufgestachelter Mob von Hooligans griff die Demo daraufhin mit Molotowcocktails und anderen gefährlichen Gegenständen an. Leute, die bereits am Boden lagen, wurden blutig getreten. Die Polizei griff spät und zaghaft ein. Die homophobe Menge, unter der auch neofaschistische Skins zu sehen waren, zog durch die Straßen und rief im Chor zum Mord an der „Schwuchtel“ auf. Acht Jahre sollte es dauern, bis die nächste Demo für queere Rechte in Belgrad stattfand.

Die etwa 1000 Demonstrantinnen und Demonstranten im Jahr 2010 wurden durch ein massiveres Polizeiaufgebot geschützt. Erneut zog ein Mob aus Stiefelnazis, Hooligans und orthodoxen Geistlichen, leider aber auch Normalbürgern, gegen die Demo in das Zentrum Belgrads los. Die Schäden, welche durch Straßenschlachten zwischen homofeindlichen Demonstranten und Polizei entstanden, wurden auf mehrere Millionen Euro beziffert, die gesamte Innenstadt war verwüstet.

Auch Kroatien hat eine traurige Geschichte bezüglich seines Umgangs mit queeren Märschen. Anfang Juni etwa wurde eine solche LGBT-Parade in der Küstenmetropole Split abgebrochen, nachdem die 200 Demonstrantinnen und Demonstranten mit Steinen, Tränengas und Feuerwerkskörpern angegriffen worden waren. 5 Personen wurden verletzt, darunter drei Journalisten, die von der Gay Pride Split berichten wollten. Unter den 137 Randalierern waren rund 25 Minderjährige. Im Sommer 2002 ging es in der Hauptstadt Zagreb noch härter zu: in Anlehnung an die „Parade des Stolzes“ von 2001 rief ein homophober Mob den Demo-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern zu, nach Serbien abzuziehen. Weiters wurde zum Mord an Serben aufgerufen, Hitlergrüße gezeigt und „Schwuchteln ins KZ“ gerufen. Zahlreiche Personen wurden damals verletzt.

Seit dem Zusammenbruch des Sozialismus und dem Zerfall Jugoslawiens gewinnen fundamentalistische und homophobe Kreise unter den frommen Kroaten und Serben immer mehr Unterstützer.

Wir danken dem Autor für diesen Artikel!

Vom selben Autor liegt uns ein Bericht vor, in dem er über Homophobie auf dem Balkan berichtet. Dieser kann bei uns angefordert werden.

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One comment on “»Tötet die Schwuchtel!«
  1. Gern geschehen. Ein Tippfehler ist mir aufgefallen im vorlettzten Absatz: statt „auf die Parade“ „an die Parade“. Ansonsten traurige Sache, diese Randale.

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