Vater, Mutter, Kind?

Antiquiertes Modell, aber noch immer Leitbild deutscher Politik: Die »heilige Familie« mit klar verteilten Rollen Foto: Wikimedia

Antiquiertes Modell, aber noch immer Leitbild deutscher Politik: Die »heilige Familie« mit klar verteilten Rollen
Foto: Wikimedia

Gisela Notz wendet sich gegen die noch immer dominierende gesellschaftliche Norm der Kleinfamilie – und entlarvt deren Frauenfeindlichkeit

Von Mona Grosche – Abgeschrieben aus JungeWelt – 12.02.2016

Wir brauchen einen Familismus!« hieß es im Februar 2014 in der FAZ. Bloß nicht, meint die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz. Schließlich präge der schon seit Jahrhunderten maßgeblich Politik und Sozialstruktur unseres Landes mit, schreibt sie in ihrem neuen Buch zur »Kritik des Familismus«. Was verbirgt sich hinter dem Begriff? Er stammt aus dem Repertoire der Soziologen und bezeichnet laut Duden eine »Sozialstruktur, bei der das Verhältnis von Familie und Gesellschaft durch weitgehende Identität gekennzeichnet ist«. Notz zufolge dominiert in allen westlichen Staaten die Ideologie des Familismus, gerade auch in der Bundesrepublik. Selbst im Grundgesetz ist er als »Schutz der Familie« fest verankert – dort noch immer untrennbar mit der Ehe verbunden – und prägt bis heute die Leitlinien der Politik.

Doch blicken wir zunächst zurück: Schließlich steht der Familismus, quasi als kleiner Bruder des Patriarchats, seit Ewigkeiten hilfreich an dessen Seite, um ideologisch zu untermauern, was den Herrschenden gut in den Kram passt. Denn was ist praktischer, als eine Form des Zusammenlebens zur naturgegebenen Norm zu erklären, die alle anderen ausschließt und ächtet? Noch dazu eine, in der man den Frauen alle Erziehungs-, Pflege und Sorgearbeit als unbezahlte, von der Biologie bestimmte Aufgabe zuschanzen kann? Dabei ist das, was heute als angebliches Urbild der Familie quasi heilige Weihen erhält, relativ spät entstanden. In unseren Breiten fiel seine Herausbildung mit dem Übergang von der feudalistischen zur kapitalistischen Produktionsweise zusammen, als Erwerbsarbeit und Reproduktion in verschiedene Bereiche getrennt wurden.

Bis heute wirkt die »klassische« Familie als Leitbild. Obwohl heute gerade mal 24 Prozent aller Haushalte hierzulande aus heterosexuellen verheirateten Eltern mit Kindern bestehen, gelten diese als »Normalfall«. Sprich: Menschen, die anders leben, sind bestenfalls verhinderte Kleinfamilien. Förderung erfahren sie nicht – im Gegenteil: Mehr Unterstützung für die heteronormative Familie soll dieser zu neuer Popularität verhelfen.

In einem guten Überblick zeichnet Notz den Weg des Familismus durch die Industrialisierung im Kaiserreich, sein kurzes »Schwächeln« in der Weimarer Republik und seine besondere Ausprägung in der Zeit des deutschen Faschismus nach. Ironischerweise wich man ausgerechnet im »Dritten Reich« erheblich vom Gepredigten ab. Als es kriegswirtschaftlich notwendig wurde, pfiff man auf die Hetero-Familie: Man freute sich auch über den Nachwuchs von ledigen Müttern – schließlich brauchte man Kanonenfutter –, die zudem ganz rollenuntypisch in Fabriken Schwerstarbeit leisten durften.

»Gesunde Familie – gesundes Volk«. Was wie eine Parole aus der Nazizeit klingt, ist das Leitmotiv von Adenauers Familienminister Franz-Josef Wuermeling gewesen. Während man es in der DDR wenigstens schaffte, die Benachteiligung von Frauen per Gesetz aus dem Weg zu räumen, setzten sich in der BRD konservative Positionen von CDU und Kirchen durch. So wundert es wenig, dass trotz postulierter Gleichberechtigung im Grundgesetz Ehemänner noch bis 1958 die Arbeitsverträge ihrer Frauen fristlos kündigen konnten und erst 1977 die Regelung abgeschafft wurde, nach der der Gatte der Arbeitsaufnahme seiner Angetrauten zustimmen musste. Und das vom Naziregime eingeführte Ehegattensplitting, das eine einseitige Bevorzugung der Konstellation »Ernährer« und Hausfrau bzw. Zuverdienerin darstellt, ist bis heute Bestandteil deutscher Fiskalpolitik.

Soweit, so deprimierend. Zum Glück stellt Notz auch dar, dass genauso lange, wie es den Familismus gibt, auch Kritik daran geübt wird. So verweist sie nicht nur auf moderne abweichende Lebensentwürfe, sondern auch auf frühe Versuche alternativen Zusammenlebens wie die Beginenhöfe des Mittelalters, in denen sich Frauen erstaunliche Freiräume schufen. Auch frühe Feministinnen wie Mary Wollstonecraft, Frühsozialisten und Anarchisten lieferten Gegenentwürfe zur scheinbar gottgegebenen Familienstruktur, deren Erfolg Friedrich Engels in »Der Ursprung der Familie« als in der Eigentumsfrage begründet analysierte. Notz stellt zudem klar, dass die zweite Frauenbewegung in den 1960er Jahren mit ihrer harschen Kritik an tradierter Familienideologie zumindest einige Steine ins Rollen gebracht hat und dass ohne sie womöglich Vergewaltigung in der Ehe immer noch eine Privatangelegenheit und Schwangerschaftsabbrüche ein Sakrileg wären. Ganz in der Tradition der Kritiker fragt Notz am Ende ihres lesenswerten Buches, ob es nicht endlich an der Zeit wäre, der Ideologisierung von Lebensentwürfen energisch entgegenzutreten, damit jeder nach seiner Façon glücklich werden kann – und zwar gleichberechtigt und selbstbestimmt.

Gisela Notz: Kritik des Familismus. Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2015, 222 S., 10 Euro

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