»Was ich machen kann, das mache ich«

In der Zeitung der KPÖ „Volksstimme“ ist vor kurzem dieses Interview mit Ellen Schernikau, der Mutter von Ronald M. Schernikau veröffentlicht worden.

ellen_schernikauIn diesem Jahr wäre der 1991 verstorbene Schriftsteller Ronald M. Schernikau 50 Jahre alt geworden. Als Auftakt zum „Schernikau-Jahr“ 2010 ist im Berliner Rotbuch Verlag „Irene Binz. Befragung“ aus dem Nachlass des Dichters erschienen (…). Der Band ist die Prosafassung eines Interviews, in dessen Verlauf Ellen Schernikau ihrem Sohn im Herbst 1981 seine Kindheit und ihren eigenen Lebensweg erzählte. Aus dem Material dieser Befragung formte er ihr literarisches alter ego „Irene Binz“, die sich entgegen ihrer politischen Überzeugung für die Liebe entschied und ihrem Freund nachfolgte, der kurz nach der Geburt Ronalds aus der DDR in den Westen geflohen war. (…)

Manfred Mugrauer führte mit ihr folgendes Gespräch.

Ellen, was ist der Anlass deiner aktuellen Österreich-Reise?

Ich bin mit meinem Freund in Österreich unterwegs. Er arbeitet als Arzt und hat die Methode „GODO – gesundes Gehen“ entwickelt. Er hat herausgefunden, dass es gesünder ist, zuerst mit dem Vorfuß aufzutreten, weil man damit die Gelenke schont. Nach der Lesung in Wien werden wir nach Graz fahren, wo er in einer Schule für Heilpraktiker ein Seminar leiten wird.

1966 hast du – wie du schreibst – „der Liebe wegen“ die DDR verlassen, entgegen deiner politischen Überzeugung. Du warst ja seit 1958 in der SED. Warst du ein aktives Mitglied?

Ich war in der Hochschulgewerkschaftsleitung aktiv, der ich als Vorsitzende der Abteilungsgewerkschaftsleitung Chirurgie angehörte. Gearbeitet habe ich in der Medizinischen Akademie in Magdeburg als Lehrausbilderin für Krankenschwestern.

Als du in der BRD angekommen bist, musstest du zur Kenntnis nehmen, dass der Vater deines Sohnes bereits eine neue Familie gegründet hatte. Du wirst deine Ausreise in den Westen als Enttäuschung erlebt haben.

Ja, absolut. Ich hatte ja im Westen keine Verwandtschaft, keine Freunde. Wir waren wieder alleine. Meine Hoffnung war, dass sich zwischen dem Vater und meinem Sohn ein Verhältnis entwickelt, aber auch das hat nicht geklappt.

Du bist als alleinerziehende Mutter dennoch deinen Weg gegangen, beruflich und privat, später auch politisch.

Ich habe mir gesagt: Jetzt bin ich hier, jetzt bleibe ich auch. Ich darf mich nicht unterkriegen lassen. Ich war dann in Lehrte Unterrichtsschwester und später in der Pflegedienstleitung, das nennt man in Österreich wohl „Oberschwester“. Die letzten acht Jahre habe ich in Hamburg in einer Fortbildungseinrichtung für leitendes Pflegepersonal gearbeitet, also im Pflegemanagement.

Nach deiner Ankunft im Westen warst du eine zeitlang politisch weniger interessiert. Wann ist dein Interesse wieder erwacht?

Ich war etwa zehn Jahre lang erstummt. Ich habe gesehen: Das stimmt alles, was ich in der DDR über den Westen gelernt habe. Als Ronald 16 war und in der SDAJ aktiv wurde, hat er mich sozusagen an die Hand genommen und gesagt: „Du versauerst ja hier. Ich habe tolle Leute kennen gelernt und du kommst jetzt mit.“

Du warst dann in der DKP, in der Deutschen Kommunistischen Partei, engagiert.

Nach einem halben Jahr in der SDAJ ist Ronald Mitglied der DKP geworden und hat mich zur Parteigruppe mitgenommen. Hier habe ich zum ersten Mal nach zehn Jahren meine Geschichte komplett erzählen können. Vorher habe ich immer nur gehört: „Du lebst doch jetzt in Freiheit“ usw. Diesen Schmarren habe ich mir nicht mehr anhören können. Ich hatte ja die DDR nicht aus politischen Gründen verlassen. In der DKP waren die ersten, die nachvollziehen konnten, dass ich die DDR als mein verlorenes Zuhause ansah.

Du hast auch in deiner Parteigruppe mitgearbeitet, obwohl aufgrund eines Abkommens zwischen SED und DKP dein Aufnahmeantrag abgelehnt wurde.

Es war beinahe schizophren. Ich habe drei Mal einen Antrag gestellt, zwei Mal in Hannover, einmal in Hamburg. Sogar die Schiedskommission des Parteivorstands hat sich mit meinem Fall beschäftigt und hat sich von der SED in Magdeburg bestätigen lassen, dass ich eine saubere Weste habe. Obwohl ich formal nicht in der Partei sein durfte, habe ich in meiner Gruppe aktiv mitgearbeitet und Bildungsarbeit gemacht. Ich habe zum Beispiel über das „Manifest“ und den dialektischen Materialismus gesprochen – sozusagen „illegal“, aber die Gruppe stand hinter mir. Bei Abstimmungen haben sich dann neue Mitglieder immer gewundert, warum ich nicht den Arm hebe, weil ich nicht mitstimmen durfte.

Ronald Schernikau hat von 1986 bis 1989 als Westberliner am Leipziger Literaturinstitut studiert und seine Rückkehr in die DDR betrieben. Wie hast du damals seine Bemühungen gesehen?

Ich war beglückt, ich fand das toll. Er hat ja fünf Jahre gebraucht, bis es geklappt hat mit dem Studium in Leipzig. Ronald hat gesagt: Es ist nicht leicht, aus der DDR herauszukommen, aber auch nicht leicht hineinzukommen. Wir waren ja vier bis fünf Mal im Jahr in der DDR zu Besuch, aber da war immer Wochenend- und Urlaubsstimmung. Mir war wichtig, dass er auch den Alltag dort kennen lernt, auch die negativen Seiten. Diese Probleme in der DDR hat Ronald in „tage in l.“ beschrieben. Sie haben ihn nicht davon abgehalten rüberzugehen.

1989 bist du nach Magdeburg zurückgekehrt, noch vor der so genannten „Wende“. War eine definitive Rückkehr in die DDR vor 1989 kein Thema für dich?

Eigentlich immer, von der ersten halben Stunde an, als ich hörte, dass der Vater uns keine Familie bieten kann. Ich hätte auch sofort zurückgehen können. Vielleicht wären wir auf einen verständnisvollen Grenzbeamten gestoßen, aber die Chance war eins zu tausend, dass das gut gegangen wäre. Ich hatte Angst, dass ich wegen Republikflucht ins Gefängnis komme, mein Sohn in ein Heim. Später hatte ich vor, als Rentnerin rüberzugehen, das kam mir dann aber irgendwie schmarotzermäßig vor. Als Ronald zu studieren anfing, ich war damals etwa 50, habe ich mir vorgenommen, ich kehre zurück, wenn er mit dem Studium fertig und finanziell unabhängig ist. Aus verschiedenen Gründen hat sich das aber verzögert. Ich habe Kontakt aufgenommen zur Ausländerbehörde in Magdeburg, um die technischen Einzelheiten einer Rückkehr zu besprechen. Als ich dort vorsprach, war die zuständige Person erkrankt, sodass sich das wieder ein halbes Jahr hinausgeschoben hat. Ein anderer Punkt war die Kündigungsfrist, ich wollte ja nicht noch einmal abhauen.

Deine Rückkehr steht also in keinem Zusammenhang mit den politischen Veränderungen in diesem Jahr.

Nein. Als 1989 die Leute aus der DDR abgehauen sind, wurde ich gefragt: Willst du dort immer noch hin? Ich habe gesagt: jetzt erst recht! Dass die DDR dann so schnell unterging, mit dieser totalen Niederlage, damit hat eigentlich aus unseren Kreisen niemand gerechnet. Auch Ronald und ich haben große Hoffnungen auf „Glasnost“ gesetzt und haben die Unruhe in der DDR eigentlich positiv gesehen. Wir glaubten, vielleicht kann man jetzt endlich Kritik äußern. Auch wir sind auf Gorbatschow, auf diesen Wolf im Schafspelz, hereingefallen. Viele Leute, vor allem die Jungen, sind ja auf die Straße gegangen, weil sie die DDR reformieren wollten. Die haben gerufen: „Wir sind das Volk! Wir bleiben hier!“. Ein anderer Teil, bei dem es unsere Regierung fertiggebracht hat, sie zu Antikommunisten zu machen, die haben gerufen: „Wir sind ein Volk“. Die wollten die DDR kippen. Die meisten Alten wussten, dass die DDR ein gutes Experiment ist.

Dein Sohn ist am 1. September 1989 DDR-Bürger geworden. Bist du auch noch zu DDR-Zeiten eingebürgert worden?

Ja, am 2. Oktober 1989. Deshalb habe ich auch nach dem Erscheinen der Biographie von Matthias Frings über Ronald mit dem Titel „Der letzte Kommunist“ scherzhaft gesagt, dann bin ich die „allerletzte Kommunistin“.

Wie hast du insgesamt die Wendezeit erlebt? Hast du im Osten gleich wieder Arbeit gefunden?

Seit der so genannten Wende lebe ich ausschließlich in Magdeburg. Ich konnte hier aber nicht wieder in der Erwachsenenbildung für leitendes Pflegepersonal arbeiten. Ich war ja westlich geprägt und musste mich erst wieder schlau machen. Deshalb habe ich als Erzieherin in einem Internat für Schwesternschülerinnen gearbeitet. Nach einem Jahr sollte ich als Dozentin übernommen werden, ich bin aber arbeitslos geworden, weil das Internat eingegangen ist. 1991 habe ich das Angebot angenommen, in den Vorruhestand zu gehen, da war ich 55. Zu arbeiten aufgehört habe ich im Oktober 1991, was insofern passte, als Ronald genau zu diesem Zeitpunkt gestorben ist. Ich habe ja von seiner Erkrankung nichts gewusst. Ich konnte dann zu Hause bleiben und so trauern, wie ich wollte.

Habt ihr euch nach der Rückkehr in die DDR in den Jahren 1990 und 1991 über die politische Entwicklung ausgetauscht?

Wir haben uns so zwei bis drei Mal im Jahr gesehen, man sieht ja erwachsene Kinder nicht mehr so oft. Wir haben uns auch geschrieben und uns Mut gemacht. Wir waren natürlich fürchterlich enttäuscht über die Niederlage. Aber sie hat uns nicht mutlos gemacht. Wir waren erschrocken über die Naivität der Leute, die glaubten, die guten Seiten der DDR bleiben erhalten und die Bananen kommen einfach hinzu.

Schernikaus literarisches Vermächtnis „legende“ konnte erst 1999 erscheinen. 2009 und 2010 sind mit „Königin im Dreck“ und „Irene Binz. Befragung“ gleich zwei Neuerscheinungen herausgekommen. Hast du auch selbst Anteil daran gehabt, dass letztlich doch noch Verlage gefunden werden konnten? Du führst ja zum Beispiel seit vielen Jahren Lesungen durch.

Ja, seit 1999, als Werbung für die Subskription von „legende“. Es gab in diesem Jahr etwa 30 Lesungen und zahlreiche weitere zwischen 2001 und 2003, nach der Neuauflage von „die tage in l.“ und „kleinstadtnovelle“. Die Hauptfigur ist natürlich Ronalds Lebensgefährte Thomas Keck, den er auch als Erben und Nachlassverwalter eingesetzt hat. Aber er bezieht mich immer ein. Seit zwei Jahren ist Ronald noch mehr im Gespräch durch die Veröffentlichungen. Es gibt drei Theater, die etwas von ihm oder über ihn spielen. Im niedersächsischen Oberstufenlehrbuch Deutsch findet sich „kleinstadtnovelle“ neben Texten von Bachmann und Jelinek. Natürlich gibt es auch Zeiten, wo es mich emotional anstrengt. Aber es macht mich sehr stolz, dass er dadurch weiterlebt.

Das Interview, auf dem „Irene Binz. Befragung“ basiert, wurde im Herbst 1981 in Hamburg geführt. Wie ist die Herausgabe des Textes bei „Rotbuch“ zustande gekommen? War er schon damals zur Veröffentlichung vorgesehen?

Die Transkription des Interviews umfasste 600 Schreibmaschinenseiten. Ronald hat daraus eine 150-seitige Textfassung erstellt, die 1983 fertig war. Er hat versucht, diese in der DDR zu veröffentlichen, aber es hat nicht geklappt. Es kamen Absagen mit den abstrusesten Begründungen, etwa: „Wie kann eine Mutter ihrem Sohn so intime Sachen erzählen“, oder „Die politische Haltung dieser Frau ist indiskutabel“. 1983 hat er die Fassung in Blankversen für „legende“ geschrieben. Nun hat Thomas Keck anlässlich des 50. Geburtstags von Ronald die Textfassung des Interviews aus dem Nachlass herausgeholt, um sie im Schernikau-Jahr zu veröffentlichen.

Am 16. September findet nun auch in Wien eine Lesung aus diesem Text statt. Wie sind die bisherigen Lesungen in Deutschland verlaufen?

Sehr gut. Es gab Lesungen veranstaltet von der „jungen Welt“, von „Rotbuch“, vom Buchladen „Männerschwarm“ in Hamburg und im Literaturhaus in Magdeburg. Es waren immer so zwischen 20 und 60 Leute da. Hinterher gab es stets eine Diskussion, teilweise kontrovers, wie ich es mir wünsche. Ich konnte auch bei der Leipziger Buchmesse lesen und wurde vom MDR zur „Buchnacht“, einer Fernsehsendung anlässlich der Messe, eingeladen.

Ronald Schernikau hat – angesprochen auf die politische Aktivität Jugendlicher – gesagt: „wichtig ist, daß sie dir beibringen: es gibt keine alternative zum nichtstun.“ Ein sehr aktueller Befund.

Ja. Wir sind eine Spaßgesellschaft. Die jungen Leute werden nicht mehr vor Ziele gestellt, ihre Gedanken sind nur auf das Heute gerichtet. Das ist sicherlich nicht ganz zu verallgemeinern, es gibt auch gute einzelne Gruppen, aber das Gros ist doch ziemlich uninteressiert. Und viele der Älteren haben ganz einfach die Schnauze voll heute.

In welcher Weise bist du heute neben den Lesungen politisch aktiv?

Ich bin in keiner Partei mehr. Als ich ankam in der DDR, habe ich mich wieder einschreiben lassen in der SED, die dann schnell zur PDS wurde. Das hat mir nicht gefallen, für mich gibt es keinen dritten Weg. Das habe ich auslaufen lassen, ich habe mich nicht einmal abgemeldet. Ich vertrete heute den Standpunkt, dass ich eine kritische Kommunistin bin, ohne Parteibuch. Was ich machen kann, das mache ich. Ich nutze jede Gelegenheit, mich an Diskussionen zu beteiligen. Ich verleugne mich nicht.

Ronald M. Schernikau: Irene Binz. Befragung, hg. von Thomas Keck. Mit einem Vorwort von Dietmar Dath. Berlin: Rotbuch Verlag 2010, 224 S., 17,50 €

Volksstimme, September 2010

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